Der riesige Kronleuchter hoch oben über der Bühne des Berliner Ensembles funkelt elegant, die lange Tafel ist festlich gedeckt. Es wird Rehrückenfilet geben. Stahlbaron Joachim von Essenbeck hat Geburtstag und die Familie zum Dinner geladen. Nach und nach treffen sie ein, bringen artig Geschenke mit. Da glaubt der Alte als einziger noch, dass er den Laden im Griff hat: „Wer zu meiner Familie gehört, hat sich an meine Regeln zu halten“, sagt er. Irrtum! Die Regeln dieser Familie werden nicht am Essenstisch gemacht und erst recht nicht mehr von Joachim von Essenbeck. Was erlaubt ist und was nicht, was Recht, was Unrecht, was moralisch oder verwerflich ist, entscheiden die, die an der Macht sind. Und das sind, wir befinden uns im Jahr 1933, die Nazis. Die Nachricht vom brennenden Reichstag erreicht die Geburtstagsgesellschaft.
Wie die politische Entwicklung dieses familiäre Koordinatensystem, dem die Krupp-Dynastie Pate stand, zunächst verschiebt und schließlich nahezu alle in den Abgrund zieht, das erzählt Luchino Visconti in seinem 1969 entstandenen Film „Die Verdammten“ in rauschhaften, dekorativen Bildern. Regisseur David Bösch dagegen, der die historische und innerfamiliäre Apokalypse jetzt am Berliner Ensemble auf die Theaterbühne bringt, verzichtet auf die dekadente, weitschweifige Opulenz. Das ist erstens nötig, weil Theater nun mal nicht Kino ist und Bösch sich einem unmittelbaren Vergleich so leichter entziehen kann. Zweitens ist es richtig, denn gerade mit seiner artifiziellen, höchst melodramatischen Visualisierung überpinselt Visconti in seinem Film auch viel von der politisch-historischen Brisanz, die dem Stoff innewohnt und die in Teilen durchaus die Gegenwart tangiert.
Doch auf konkrete aktuelle Bezüge legt Bösch es kaum an, er will die Verstrickungen zwischen deutscher Stahl- und Rüstungsindustrie und Politik betonen, die allgemeinen wirtschaftlichen und privaten Profitinteressen hervorkehren, den Generationenkonflikt schärfen, die Begierden, die Korrumpierbarkeit der Beteiligten offenlegen, diesen ganzen moralischen Sumpf aus den Figuren heraus erzählen. Genau das jedoch wird auch zum Problem des Abends, denn die meisten Figuren geben das gar nicht her. In der entschlackten Bühnenversion wird besonders deutlich, dass wir es hier mit Stellvertreter-Charakteren zu tun haben, die eher schablonenhaft angelegt sind. Da ist der Familienpatriarch (Wolfgang Michael), der für die alten Zeiten steht und sich weigert, Haltung einzunehmen zu dem, was da kommt. Was Herbert (Maik Solbach), der liberale Vizedirektor der Stahlwerke, vehement von ihm fordert. SA-Mann Konstantin (Robert Kuchenbuch) wittert seine Chance. Hat aber nicht mit seiner Schwägerin Sophie gerechnet, die Corinna Kirchhoff mit berechnender, herrlich eiskalter Machtgier ausstattet. Um an ihr Ziel zu kommen spannt sie ihren Geliebten Friedrich Bruckmann ein, der die Drecksarbeit erledigen muss. Bei Peter Moltzen ist er ein aufstiegswilliger Emporkömmling, dem aber das zaudernde Gemüt auf dem Weg nach ganz oben im Wege steht.
Dramatisches Sittenbild einer zerfallenden Familie
Der wahre Strippenzieher dieser durch und durch verdorbenen Familie ist SS-Sturmbannführer Wolf von Aschenbach (Martin Rentzsch). Er ist es, der hier die Begierden steuert, der in der fauligen Familienbrühe den Steuermann gibt. Bis er schließlich ausgerechnet das Enfant terrible der Familie, Martin, als alleinigen Machthaber im Unternehmen installiert hat, einen pädophilen, runtergekommenen, trinksüchtigen Kerl, der gerade durch seine Abgründe so hervorragend erpressbar und manipulierbar ist, dass das Unternehmen mit ihm quasi in Nazi-Hand ist. Helmut Berger startete mit dieser Rolle damals bei Visconti seine Weltkarriere. Am Berliner Ensemble übernimmt Nico Holonics den Part. Er trägt Morgenrock zu lackierten Fingernägeln und changiert runtergerockt überzeugend zwischen sexuellen Obsessionen und Muttersöhnchenallüren.
Sie alle tanzen gemeinsam ihren Totentanz rund um die große gedeckte Tafel, die im Laufe des Abends noch zerlegt werden wird, umgeworfene Stühle und Tische bilden dann die Szenerie. Blut fließt, Bücher werden lodernd verbrannt, dazu die Feuersprüche der Nazis skandiert. Maschinengewehrhagel in der „Nacht der langen Messer“. Tote gibt es reichlich. Und dazu Musik: Aus Verdis Oper „Macbeth“, denn Shakespeares Drama war Folie für den Visconti-Film. Schaurig-schön-dramatisch klingt das, während alles in sich zusammenfällt. Diese und ein paar weitere atmosphärische Zugaben gestattet Regisseur David Bösch sich bei aller visuellen Verschlankung dann doch. Sie tun dem Abend gut.
Einmal zum Beispiel baumelt unter dem Schatten des Kronleuchters an der Bühnenrückwand der Schatten eines Mädchens mit einem Strick um den Hals. Das ist Lisa, das Nachbarmädchen, das sich auf dem Dachboden aufhängt, nachdem Martin sich an ihr vergangen hat. Außerdem laufen auf einem Vorhang vor der Bühne zwischendurch wochenschauartige Projektionen, die auch in die spätere Bundesrepublik hineinreichen: Willy Brandt, Helmut Kohl, Heintje und „blühende Landschaften“. Auch vier junge Männer agieren in Zwischenspielen vor diesem Vorhang als Repräsentanten der neuen Zeit. Es ist dies alles durchaus solide gespielt und umgesetzt, aber als dramatisches Sittenbild einer zerfallenden Familie in Zeiten des Umbruchs bleibt es doch insgesamt etwas blass, weil der Abend letztlich zu wenig aus dem reinen Nacherzählungs-Modus herausfindet.
Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Kartentel. 284 08 155. Nächste Termine: 14.11, 1.12. und 8.12. um 19.30 Uhr.


