Kunst

Grisebach-Gründer lässt seine Privatsammlung versteigern

Grisebach-Gründer Bernd Schultz will mit dem Erlös ein Exilmuseum gründen. Der erste Tag brachte 1,6 Millionen Euro ein.

Unter dem Titel „Sammlung Bernd Schultz – Abschied und Neuanfang“ werden Werke zugunsten eines neuen Exilmuseums in Berlin versteigert.

Unter dem Titel „Sammlung Bernd Schultz – Abschied und Neuanfang“ werden Werke zugunsten eines neuen Exilmuseums in Berlin versteigert.

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Nun ist es also so weit. Bernd Schultz, Mitbegründer des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach, versteigert seine Sammlung. Rund 400 Werke, vor allem Zeichnungen und Druckgrafiken, sind es insgesamt. Sie spannen einen Bogen von der Gotik bis in die unmittelbare Gegenwart. Am Donnerstagnachmittag kam der kleinere Teil, rund 100 Blätter, unter den Hammer, alles Alte Meister und Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert, darunter Werke von Rembrandt, Adolph Menzel, Edgar Dégas und Henri de Toulouse-Lautrec. Eine frühe Aktzeichnung von Max Beckmann aus dem Jahr 1911 war auch dabei und eine lässige Schuhstudie von Edward Hopper.

Fast sein ganzes Leben lang hat er gesammelt

Das Ergebnis der Auktion lässt sich sehen, es gab reges Interesse und vieles wechselte weit über den Schätzpreisen den Besitzer. Das sieht auch Bernd Schultz so, der nach der Versteigerung gelöst wirkt: „Das war ein schöner Auftakt für das, was mit den morgigen Auktionen noch zu erwarten ist“, sagt er und freut sich. „Alle hochpreisigen Werke sind verkauft worden. Wir lagen heute 130 Prozent über unseren Schätzwerten und haben insgesamt rund 1,6 Millionen Euro erzielt.“

Fast sein ganzes Leben lang hat Bernd Schultz Arbeiten auf Papier gesammelt, sie alle hingen in seinem Büro. Wie kommt er also dazu, sie nun zu veräußern. Für einen guten Zweck, könnte man sagen, oder aus einem inneren Bedürfnis heraus. „Abschied und Neuanfang“ sind die Auktionen deshalb auch überschrieben – und beides schwingt mit – wobei der Neuanfang vielleicht sogar überwiegt, denn das persönliche Opfer dient der Realisierung einer wunderbaren Idee.

Die insgesamt drei Auktionen mit Werken der Sammlung Schultz an diesem Donnerstag und Freitag sollen rund fünf Millionen Euro einspielen. Dieses Geld ist als Grundkapital für das geplante „Exil Museum Berlin“ gedacht, für das die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller die Schirmherrschaft übernommen hat und das Bernd Schultz so sehr am Herzen liegt, dass er dafür seine Sammlung veräußert: „Das Exilmuseum halte ich für dringend notwendig zur Aufarbeitung unserer Geschichte“, erläutert er. „Mir sind in meinem Leben viele Emigranten begegnet, daher weiß ich, welchen Frevel die Deutschen im ‚Dritten Reich‘ an Hunderttausenden begangen haben.“

Das Exilmuseum soll spätestens 2023 eröffnen

Der Gründer eines Auktionshauses, das seinen Schwerpunkt zunächst lange Zeit auf der klassischen Moderne hatte, ist mit dem Schmerz der Emigration auch durch die vielen Künstlerbiografien vertraut, die mit dieser Epoche verbunden sind. Denn den Nationalsozialisten war die Moderne ein Dorn im Auge, sie stigmatisierten diese Kunst als „entartet“, belegten die Künstler mit Malverboten und trieben sie ins Exil.

Das Exilmuseum will an die rund 500.000 Menschen erinnern, die zur Zeit des Nationalsozialismus unter Druck ihr Heimatland verlassen mussten, nicht nur Künstler, auch Schriftsteller, Musiker, Filmemacher, Intellektuelle aller Art, politische Gegner und jene Juden, die einem schlimmeren Schicksal entrinnen konnten. Spätestens 2023 soll es eröffnet werden. Ein Grundstück am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg ist schon gefunden – ein passender Ort, denn für viele war der ehemalige Bahnhof der Ausgangspunkt für ihre Reise ins Exil. Anfang des nächsten Jahres soll es einen Wettbewerb für den Bau des geplanten Museums geben. Zur Finanzierung müssen weitere Mittel akquiriert werden.

Ein Anfang ist getan, die ersten Werke der Sammlung Schultz sind nun versteigert. Eine Caféhaus-Szene von Toulouse-Lautrec ging für 285.000 Euro unter den Hammer, die Rückenansicht eines Reiters von Degas für 95.000 Euro, ein „Brustbild Friedrichs des Großen als junger König“, winzig klein, fand für 56.000 Euro eine neuen Besitzer.

Schultz freut sich auf ein Wiedersehen

Und, wie denkt Bernd Schultz darüber, jetzt, wo aus der Idee, seine Sammlung zu versteigern, Ernst geworden ist? Eigentlich durfte man diese Frage ja nicht mehr stellen, denn auf der Pressekonferenz war jedem dafür scherzhaft Prügel angedroht worden. Aber trotzdem, wie sieht’s aus? Bernd Schultz ist gnädig, prügelt nicht und antwortet sehr freundlich: „Melancholie verspüre ich nicht. Ich kenne einige der Käufer meiner Werke und werde so das ein oder andere Blatt sicher wiedersehen.“

Grisebach, Fasanenstr. 27, Charlottenburg. Versteigerung von moderner und zeitgenössischer Kunst am 26. Oktober ab 14 Uhr