Interview

„Tatort“-Star: „Ich will wieder heiß und hungrig sein“

| Lesedauer: 5 Minuten
Paulina Czienskowski
Das „Tatort“-Format ist zu fett für Routine: Schauspieler Oliver Mommsen macht da lieber Platz für andere

Das „Tatort“-Format ist zu fett für Routine: Schauspieler Oliver Mommsen macht da lieber Platz für andere

Foto: Reto Klar

Am nächsten Sonntag läuft sein vorletzter „Tatort“-Fall: Oliver Mommsen über seinen allmählichen Abschied aus der TV-Reihe.

Berlin. Nun ist er fast pensioniert, „Tatort“-Kommissar-Rentner also. Wir haben Oliver Mommsen in seinem Kiez in Kreuzberg zum Interview getroffen. Wie immer in bester Laune. Diesen Sonntag wird sein vorletzter Tatort laufen. In „Blut“ wird Nils Stedefreund an physische und psychische Grenzen getrieben, wie man ihn in 18 Jahren nie gesehen hat. Hätte der 49-Jährige vielleicht doch bleiben wollen? Oder schmeckt ihm die neue Freiheit besser?

Fast Rentner – macht Ihnen das Angst nach 18 Jahren Verbeamtung?

Oliver Mommsen: (lacht) Man ist, glaube ich, A10 oder A11 in der Besoldungsstufe – nach oben war nichts mehr zu holen. Ob man vielleicht doch unverantwortlich und lebensmüde ist, fragte ich mich schon zwischendrin. Aber ich bin in meinen Beruf nicht angetreten, um hauptberuflich Kommissar bei der Bremer Mordkommission zu werden, sondern will in verschiedene Rollen schlüpfen.

Keine Angst vor der neuen Freiheit?

Nun tritt sozusagen der Normalzustand ein. Den Luxus zu wissen, was man nächstes Jahr dreht, hat man als Schauspieler ja eigentlich nicht. Meist regiert nach einem Projekt erst mal der Zufall. Sich daran zu gewöhnen, geht nicht von einem auf den anderen Tag. Mein Kollege Joachim Król hat mal gesagt: „Ein Schauspieler macht’s oder er macht’s doch …“ Der Beruf hat also nicht immer etwas mit Freiheit zu tun.

Wie sehr waren Sie Nils Stedefreund?

Man verschmilzt mit so einer Marke wie dem „Tatort“ sehr stark und somit auch mit der Rolle. Dadurch wird man schnell etwas zu gemütlich. Auf der Straße begrüßen mich die Leute nicht mit Mommsen, sondern mit Stedefreund. Ich mag aber keine Schubladen und will nicht nur dieser Eine sein …

Gemütlichkeit ist doch auch was Schönes.

Ich wollte aber wieder heiß, fiebrig und hungrig sein. Ähnliches Beispiel: Ich wohne in Kreuzberg, wo es ein Essensangebot im Überfluss gibt. Als ich irgendwann nicht mehr wusste, was ich essen will, habe ich eine Woche gefastet. Und danach wusste ich wieder ganz genau, worauf ich Bock habe.

Sind Sie denn gar nicht traurig?

Es gab Momente bei den letzten Drehs, wo es mir die Beine weggerissen hat, als mir der Regisseur sagte, dass das nun die letzte gemeinsame Großaufnahme sein wird. Fuck, diese Dimension hat es, wurde mir wieder bewusst. Das Bremer „Tatort“-Team, die Familie – seit 2001 fast unverändert – ist bald weg. Mit der Volljährigkeit habe ich den Dienst an der Plastikwaffe nun aber absolviert und will flügge sein.

Erinnern Sie sich noch an Ihren Impuls, 2001 einzusteigen?

Das ging alles sehr schnell damals. Was ich wusste: Ich will spielen und vor allem mit guten Leuten zusammenarbeiten. Das hat absolut geklappt. Ich dachte damals allerdings, dass ich das so zwei, drei Jahre mache. Bei Sabine Postel hielten sich meine Vorgänger auch meist nicht länger. Es ist keine Koketterie, aber zu den 18 Jahren ist es echt Stück für Stück gekommen.

Eine unfassbar lange Zeit …

Mein Sohn Oskar war zu Beginn klein, meine Tochter nicht mal auf der Welt.

An so etwas merkt man, dass die Zeit vergeht. War Ihnen zum Schluss langweilig?

Da war so was wie eine ungesunde Routine. Manchmal bin ich sogar erschreckt. Kaum stand diese blonde Frau neben mir, war ich Stedefreund in der Lederjacke. Ein komisches Gefühl.

Sie wollen lieber ins kalte Wasser springen?

Eine gewisse Selbstverständlichkeit beim Spiel kann natürlich überzeugend wirken. Ich glaube auch nicht, dass ein Schauspieler vor der Kamera oder auf der Bühne die ganze Zeit in einem Angstzustand sein muss. Nur ist das Format „Tatort“ für lässiges Aus-der-Hüfte-Geschieße einfach zu fett. Das klingt jetzt sehr altruistisch, aber da mache ich lieber Platz für andere, die dann das Privileg haben, wieder einen Charakter zu entwickeln.

Hat Stedefreund eigentlich die offizielle Mordkommission überzeugt?

Wir haben immer wieder Nachhilfe bei echten Kollegen genommen, zuletzt Sicherungstraining. Es ist wichtig, dass es Hand und Fuß hat, was wir da machen, finde ich – obwohl es teilweise noch immer albern aussieht.

Wie schmerzlich wird der Abschied nach 18 Jahren?

Bei den letzten beiden Filmen wird die ganz große Spielkiste ausgepackt. Sie sind für mich die intensivsten. „Blut“ ist ein Spiel mit dem Horror-Genre und wird ein Fest für Stedefreund. Er wird runtergerockt – so haben wir ihn noch nie gesehen. Es hieß, lasst uns noch mal ein Feuerwerk abfackeln! Kinder, hätte ich das gewusst … Normalerweise trägt man die Akte von rechts nach links und jetzt geht es plötzlich vom Himmel in die Erde … (lacht)

Hört man da doch etwas Reue in Ihrer Stimme?

Nein! Alles richtig so. Ich lasse mich da gerne von der Euphorie blenden. Außerdem scheint es, gerade wieder mehr Mut in der Branche zu geben. Einen besseren Moment, in Freiheit zu treten, kann es eigentlich nicht geben.

Ein schönes Schlusswort …

… sagte er und wir sahen ihn munter vor einem alten Müllcontainer. (lacht)