Roman

Die Huelsenbecks und die Frage, wer hier verrückt ist

Warum Christian Y. Schmidt mit „Der letzte Huelsenbeck“ einen der schönsten und lustigsten Berlin-Romane des Herbstes geschrieben hat

Lebt in Berlin und Peking: Christian Y. Schmidt.

Lebt in Berlin und Peking: Christian Y. Schmidt.

Foto: Gong Yingxin

Daniel, der Ich-Erzähler dieses Romans, hat so einige Probleme. Er wird von Panikattacken heimgesucht, hat Schlafstörungen und Erscheinungen. Ihm begegnen dauernd seltsam entstellte Kinder, manche von ihnen haben Schwimmhäute zwischen den Fingern. Gibt es sie wirklich? Manchmal sieht er verstorbene Freunde, dann wieder ist er sicher, dass in seiner Wohnung Gegenstände entwendet oder durch Fälschungen ersetzt worden sind. Die Welt scheint sich unausweichlich gegen ihn zu wenden.

Was geschieht da nur? Hat es etwas damit zu tun, dass er kürzlich, als er die Beerdigung seines Freundes Viktor besuchte, von einem Stein am Kopf getroffen wurde? Oder liegen die Ursachen tiefer? Vor vielen, vielen Jahren hat Daniel, jetzt vielleicht um die 60, mit Viktor und weiteren Freunden eine Tour durch Amerika gemacht. Sie nannten sich die „Huelsenbecks“, in Verehrung für Richard Huelsenbeck (1892–1974), der in ebenfalls jungen Jahren in Zürich und Berlin der Dada-Bewegung entscheidend auf die Sprünge half und mit dem sie den Furor gegen das Satte, Selbstzufriedene und Etablierte teilten. Daniel wird das Gefühl nicht los, dass diese Reise etwas mit seinen Zuständen zu tun hat. Aber er kann sich kaum erinnern.

Mit der Erinnerung ist es ja sowieso so eine Sache. Erstens erweist sie sich als lückenhaft, wenn man, wie viele aus Daniels Freundeskreis, jahrzehntelang alle möglichen Drogen in sich hineingeschaufelt hat. Und sofern sie vorhanden ist, ist an ihr, wie an allem, zu zweifeln. Daniel besucht die Hypnosetherapeutin Dr. Gulistan in Prenzlauer Berg, um von ihr zu hören, was er eigentlich schon weiß: „Sehen Sie, das, was wir sind, sind wir nur durch unser Gedächtnis. Mit seiner Hilfe konstruieren wir uns selbst. Ohne Gedächtnis gibt es uns nicht, oder nur als – wie man so sagt – Gemüse.“ In Trance versetzt, kann er mit ihrer Hilfe zwar ein paar Bilder der Vergangenheit reaktivieren. Aber die Fragen bleiben.

Freundliche Absage an biografische Spurensucher

Christian Y. Schmidt, Jahrgang 1956, war einmal Redakteur des Satiremagazins „Titanic“, ist seitdem freier Autor (unter anderem einer immer noch lesenswerten Biografie Joschka Fischers) und lebt in Berlin und Peking. Weil er weiß, dass die Literaturkritik besessen ist von Überschneidungen zwischen Werk und Autorenbiografie, weist er in seinem Nachwort ausdrücklich darauf hin, „dass die Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird, eine fiktive ist“. Aber was ist das überhaupt für eine Geschichte?

„Der letzte Huelsenbeck“ ist, wie erwähnt, ein erinnerungskritischer Roman, vorgetragen von einem unzuverlässigen, gedächtnisschwachen Erzähler. Das ist konzeptionell einigermaßen irre und folgerichtig hat dieser hochsympathische Chronist auch einen erheblichen Dachschaden. Vor allem aber ist seine Geschichte sehr unterhaltsam und oft hinreißend komisch.

Daniel versucht mit den Freunden von damals Kontakt aufzunehmen, um Klarheit über die Reise zu bekommen. Es hilft nichts. Er kramt alte Unterlagen hervor, die nur neue Fragen aufwerfen. In wachsender Verzweiflung versucht er die Tour von damals zu rekonstruieren, indem er stundenlange Fahrten mit der Berliner U-Bahn unternimmt und so tut, als wäre der U-Bahnhof Hermannplatz St. Louis und der U-Bahnhof Rathaus Spandau Los Angeles. Immerzu fühlt es sich so an, als wäre das entscheidende Puzzlestück in Reichweite – und immer wieder fällt das ganze Puzzle auseinander.

Nebenbei versteht es Schmidt, beim Leser Begeisterung für alles Mögliche anzustacheln. Für die fortlaufend zitierten Musikstücke zum Beispiel, die für sich genommen eine ganze Lebensgeschichte erzählen. Oder für Vögel, denen der Erzähler als Hobbyornithologe besonders zugetan ist. Oder natürlich, das vielleicht am meisten, für die Dada-Bewegung, für den kraftvollen, radikalen Aufbruch, den sie verkörperte. „Ich glaube“, lässt er ihn sagen, „mich hat das angezogen, was alle jungen Menschen am Dadaismus anzieht: dass Dada Tabula rasa macht. Dass Dada die ganze vorangegangene Kunst verhöhnt. Dass man ein Dilettant sein kann und trotzdem Dadaist. Dass es sogar von Vorteil ist, ein Dilettant zu sein. Und dass man praktisch alles, was man macht, als Dadaismus verkaufen kann, Partys zum Beispiel.“

Die Huelsenbecks werfen eine Weihnachtsmann-Puppe von einem Kaufhaus und sprechen dann von Selbstmord; sie rüsten sich mit Blindenstöcken und -armbinden aus und sprengen die feierliche Andacht einer Berliner Dada-Ausstellung; sie tauchen auf Anti-AKW-Demos auf mit Fahnen, auf denen „Fliehkraft – nein danke“ steht. Sie machen das, was man halt tut, wenn man jung ist: wilden, pubertären, manchmal verantwortungslosen Blödsinn, von dem man sich dann viele Jahre später fragt, ob es ihn denn eigentlich wirklich gegeben hat. Diese Frage gibt einen wehmütigen Stich, den man beim Lesen des „Letzten Huelsenbeck“ öfter mal verspürt – ohne dass es hier wehleidig zuginge. Denn Christian Y. Schmidt ist ein funkelndes, witziges und spannendes Stück Literatur mit sehr überraschendem Ende gelungen, ungekünstelt und gerade deshalb so kunstvoll.