Interview

"Die Zeit gehört den Zärtlichen"

Klaus Hoffmann gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Liedermacher. Am Freitag erscheint sein 42. Album.

Klaus Hoffmann schwelgt in Erinnerungen, doch nicht jede davon ist versöhnlich.

Klaus Hoffmann schwelgt in Erinnerungen, doch nicht jede davon ist versöhnlich.

Foto: Reto Klar

Berlin. Es könnte Klaus Hoffmanns letztes Album sein. Nicht nur deshalb war „Aquamarin“ für den 67-jährigen Musiker und Schauspieler eine Anstrengung. Ab November ist er wieder auf Tour, vorher hat er mit uns gesprochen: über das Album und das Leben.

Herr Hoffmann, können sich Ihre Hörer auch nach 42 Alben noch auf etwas Neues bei Ihnen freuen? Und wenn ja, was wäre das bei "Aquamarin"?

Klaus Hoffmann: Die Antwort auf die erste Frage ist, dass sie nicht erpicht sind unbedingt diesen Erfolg zu verbuchen etwas Neues gefunden zu haben. Darunter liegt aber die Suche, doch etwas Neues dabei herauszukriegen. Bei "Aquamarin" ist das, glaube ich, dass ich die Werte, also das, was mir wichtig ist, besser herausgekitzelt habe. Außerdem singe ich ein bisschen besser.

Nach mehr als vierzig Jahren auf der Bühne?

Klaus Hoffmann: Na ja, glücklicherweise habe ich schon gehört, dass es einigen nicht nur gefällt, sondern dass sie auch sehen, was ich da versucht habe reinzubringen. Ich bin ja einer, der noch aus dem Liedermachen kommt, aus den 60er-Jahren, aber dann überging zu den Franzosen. Ich habe es immer gemocht, wenn die so theatralisch, groß und pathetisch ihre Sehnsüchte beschrieben. Und das habe ich eben versucht, auch auf diesem Album wieder zu machen.

Und das scheint Ihnen gelungen.

Klaus Hoffmann: Ja, ich habe das Album unglaublich gern. Leider bin ich nicht mehr so pathetisch, aber die Inhalte, mein Inneres nach außen zu bringen, die sind geblieben und haben sich in diesem komischen Wort "Aquamarin" erfüllt.

Was bedeutet denn die Farbe Aquamarin für Sie?

Klaus Hoffmann: Als alter Berliner wollte ich immer nach Langeoog und wurde auch verschickt in dieser Nachkriegsgeneration. Mit den Kids, die nichts hatten und dann diese große Freiheit erleben sollten. Oder mal durchatmen. Es ist das kindlich romantische Bild auf der Suche nach dem Meer. Aber es ist auch ein Code: Erinnere dich. Da kommst du her, da gehst du immer wieder hin. Insofern ist meine Farbe schon das tiefe, männliche Blau, und das begleitet mich immer fort.

In ihren Texten bemühen Sie immer wieder das Kind von früher. Wird das schwerer mit der Zeit - oder sogar lästig?

Klaus Hoffmann: Ja, es nervt.

Warum tun Sie es sich dann an?

Klaus Hoffmann: Weil es wahrhaftig die tiefste Empfindung ist. Wo ich recht und unrecht hatte. An sich erzähle ich immer die gleiche Geschichte. Aber da kommt alles her, und vielleicht geht da auch alles wieder hin. Es ist ein romantisches Bild, aber es ist verkleistert. Dieses tapfere Kind, das du mal warst, mehr oder weniger unvollkommen, hat so seinen Platz in der Welt gesucht. Und irgendwann hast du dir die ersten Backpfeifen geholt und kapiert, gewisse Fragen gehören hier jetzt nicht mehr hin.

Auf dem Album singen Sie sinngemäß davon, dass damals ohne die Beatles alles noch viel schlimmer gewesen wäre. Haben Sie mit Ihren Texten auch den Anspruch, etwas Frieden zu stiften?

Klaus Hoffmann: Ich war ja ein John Lennon-Fan, jetzt bin ich aber auch älter geworden. Meine Vorbilder kamen eher aus Frankreich, Jacques Brel zum Beispiel. Blöderweise sind nun alle Vorbilder gestorben. Jetzt bin ich mein eigenes, muss das also einlösen. Friedenstiftend — mein erstes Lied aus dieser Gattung hieß „Heute rette ich die Welt“. Ich als dieser Knirps, der erzählt, ich rette die Welt. Wen will er denn da alles retten? Die Welt, das ist ja nun schon ziemlich groß. Diese Aufgabe verspürt habe ich nie, aber ich glaube, ich hatte sie immer. Aber ich habe nicht vor zu sagen: Friede, Freude, Eierkuchen. Obwohl das der Inhalt meiner Lieder ist.

Es ging bei Ihnen oft um Sehnsucht, den Aufbruch, das Glück. Wenn man so lange auf der Suche danach ist, kommt man dem von Album zu Album ein Stück näher?

Klaus Hoffmann: Nein, überhaupt nicht. Ich empfinde Dankbarkeit, dass ich das alles überhaupt erzählen kann. Und davon lebe. Und das ich das gespiegelt bekomme von Menschen, über 40 Jahre lang. Ich glaube aber, die Sehnsucht hört nie auf.

Das Rebellisch-Sein scheinbar schon.

Klaus Hoffmann: Ich bin in den ersten Jahren mit meinen rebellischen Platten rausgegangen, viele wollten mich dann noch immer so bewahren. Der junge Werther, immer kritikfreudig. Aber das heißt nicht, dass ich das heute weniger sehe. Ich glaube, ich sehe es sogar viel mehr. Aber ich gehe nicht auf das Vokabular ein, das das politisch irgendwie abklopft.

Das Lied „Jemand, der mich liebt“ handelt von kantigen Menschen, die sich bekriegen.

Klaus Hoffmann: Das stimmt. In letzter Zeit finden wir uns ganz schnell bei Themen wie Chemnitz ein. Ich meinen Liedern muss ich nicht direkt verweisen auf diesen politischen Anspruch, ob korrekt oder nicht korrekt. Aber die Zeit ist, dass wir als Liedermacher diese Themen berühren müssen, mehr denn je. Dass wir zusammengehören und kein Rassismus gepflegt wird. Sagt den Idioten, die Zeit gehört den Zärtlichen.

Ihre Zeit hat auch dem französischen Chansonnier Jacques Brel gehört, dem Sie sich schon immer sehr verbunden fühlten. Wie viel Brel steckt in „Aquamarin“ — oder haben Sie ihn mit der Zeit abgearbeitet?

Klaus Hoffmann: Ja, ganz wenig. Ich habe ihn entlassen. Aber wenn ich ihn brauche, dann hole ich ihn immer wieder gerne herein. Brel habe ich ja leider nie kennengelernt, ich war nur wie besoffen von seiner Stimme. Die war so weiblich-männlich, scheinbar rebellisch und trotzdem so gefühlvoll. Und der weinte dann, das hat mir gefallen. Und dann habe ich auch angefangen für mich eine Stimme zu finden. Die hatte ich nicht immer, ich habe wirklich geklungen wie ein kaputter Auspuff. Und irgendwann habe ich die ganze Zeit einfach nur gesungen. Voller Ängste. Vor Leuten auftreten in den 60ern, in den Clubs, die haben dich heruntergezerrt mit deinen leisen Liedern. Heute bin ich ganz froh, das gemacht zu haben.

Das Resultat sind mehr als 600 geschriebene Songs. Feiert man nach dem 42. Album überhaupt noch?

Klaus Hoffmann: Heute gucken wir immer auch mit einem Auge auf dem Markt. Und wenn der Markt dich segnet, im Sinne von du bist noch da, dann fängst du irgendwann an zu feiern. Aber vorher nicht, außerdem bin ich Protestant. Aber generell — die Frage ist gut, ja. Warum nicht mal wieder feiern?

Sie haben in Ihrer Biografie geschrieben, dass jeder Musiker beim Produzieren eines Albums denken würde: „Das ist die letzte Platte.“ War sie das?

Klaus Hoffmann: Das habe ich auch gedacht, aber seit ein paar Tagen sehe ich das wieder anders. Ich glaube, mit diesem Gefühl muss man in ein Album hineingehen.

Macht Ihnen denn das Älterwerden etwas aus?

Klaus Hoffmann: Unbedingt, weil die Kiste irgendwann zu ist. Das war mein größtes Problem in meinem ganzen Leben, das zu sehen und nicht anzuerkennen. Was ist es eigentlich, was dich aus dieser Erkenntnis rettet? Das ist Leben — oder? Und das ist auf der Bühne ganz schön.

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