Kritik

„Ein Leben lang kriminell“ – Azet im Kesselhaus

Granit Musa und seine KMN-Gang machten schon häufiger Schlagzeilen mit Drogenhandel oder Gewaltdelikten.

Die Zuschauer jubeln (Symbolbild)

Die Zuschauer jubeln (Symbolbild)

Foto: pa

Berlin. Granit Musa alias Azet, Jahrgang 1993, ist einer der Shootingstars der deutschen Hip-Hop-Szene und dort im Bereich des prolligen Gangster-Raps zu verorten. Zielgruppe: Jugendliche unter 20 Jahren. Häufig mussten die Türsteher vor dem Kesselhaus am Donnerstag die Ausweise kontrollieren. Azet machte auf der „Fast Life“-Tour für sein neues Album in Berlin Station.

Die Platte hätte eher erscheinen können, wäre nicht eine Haftstrafe dazwischengekommen. Der in Dresden aufgewachsene Kosovo-Albaner und seine KMN-Gang machten schon häufiger Schlagzeilen mit Drogenhandel oder Gewaltdelikten. Außenstehende mögen das abstoßend oder lächerlich finden. Die „Peergroup“ dagegen ist begeistert ob derart viel „Realness“; kriminelle Energie ist eines der Pfunde, mit dem in der Szene gewuchert wird. Das ist pubertär, vorhersehbar – und funktioniert bestens. Die jungen Fans sind so textsicher, man argwöhnt, sie hätten ihre gesamte Schulzeit über selten so viel auswendig gelernt. Praktisch jeder kann die Hits über „Kokain“ oder „Hurensöhne von Bullen“ mitrappen.

Azet ist keine uninteressante Figur. Seine Eltern kamen als Kriegsflüchtlinge aus dem Kosovo, der Vater ist querschnittgelähmt, und die Familie weiß aus Erfahrung, was Rassismus bedeutet. Fast rührend ist es, wenn er ein Lob auf seine Mama und die Familie rappt oder Allah um Vergebung bittet, der Einzige übrigens, der in diesen Genuss kommt.

Die intellektuelle Reichweite seiner Texte endet leider am eigenen ausgestreckten Mittelfinger, den er der Staatsanwaltschaft oder sonst wem entgegenreckt, wobei sein Publikum enthusiastisch mitmacht. Permanent thematisiert Azet das harte Leben auf der Straße, in dem er „alles schon gesehen“ hat, protzt mit seiner Kohle und verspricht, „ein Leben lang kriminell“ zu bleiben.

Aber man staunt, ausgerechnet er uns seine Buddys, verurteilte Drogendealer und Typen, die einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Songs der Beweihräucherung des eigenen Drogenkonsums widmen, trinken auf der Bühne Wasser. Sie sind längst professionelle Entertainer, wissen ihre Rolle zu spielen, Aussetzer gibt es nicht.

Für die Charts hat das gereicht. Die melodiösen und vom Klangteppich her nicht sonderlich aggressiven Lieder der KMN-Gang haben goldene Schallplatten abgeräumt, und Videos, in denen es von teuren Autos und Gewaltandrohungen nur so wimmelt, werden millionenfach geklickt. Im Vergleich dazu geht das Konzert äußerst sittsam vonstatten und ist nach einer guten Stunde auch schon wieder vorbei. Sebastian Blottner