Ausstellungen

Die Kunst der Unschärfe: Berlin Art Week eröffnet

Die Veranstalter erwarten bei der Berlin Art Week 100.000 Besucher. Ein Highlight: Der temporäre Kunstraum "Crone Side" in Tempelhof.

Galerist Markus Peichl vor einer Arbeit von Emmanuel Bornstein. Peichl hat den temporären Kunstraum "Crone Side" initiiert

Galerist Markus Peichl vor einer Arbeit von Emmanuel Bornstein. Peichl hat den temporären Kunstraum "Crone Side" initiiert

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Links trägt Martha Wilson ihr Haar länger und kupferrot, rechts ist es weiß und kurz. Als würde sich das Duett von rötlichem Abendhimmel draußen und weißen Wänden innen noch einmal auf dem Kopf der New Yorker Künstlerin abspielen. Sie schreitet gebieterisch voran in eine kleine Kammer: Da starren nebeneinander zwei Selbstporträts den Betrachter an, einmal realistisch, einmal digital transformiert in Richtung Melania Trump. Es sieht gespenstisch aus. „Sehen Sie? Ich bin vollkommen verschönert!“ Wenn Martha Wilson lacht, bebt der Raum.

Berlin hat es natürlich gar nicht nötig, sich anzustrengen, um schön zu sein. Aber am Eröffnungsabend der temporären Kunstgalerie „Crone Side“ legen sich am Tempelhofer Damm 2 Himmel, Architektur und die Werke von 22 Künstlerinnen und Künstlern dermaßen ins Zeug, dass in diesem säulengeschmückten Rundbau von 1913 fast noch einmal das viel beschworene Berlin-Gefühl der 90er-Jahre aufdämmert: Wie war das damals noch, als man auf knarzenden Dielen erratische Grundrisse durchschritt und rätselte, wozu dieser oder jener schlauchförmige Raum wohl mal gedient hatte? Und überall war Kunst, groß, laut, seltsam und voller Witz.

Künstler werden an die Peripherie gedrängt

Der Galerist Markus Peichl ist aber an Retro überhaupt nicht interessiert. Obwohl er schon nostalgisch werden könnte, wenn er wollte. Die Galerie Crone hatte seit 2001 ihren Sitz an der Kochstraße, später Rudi-Dutschke-Straße in Kreuzberg, seit 2011 leitet der gebürtige Wiener das Geschäft. Er kennt den Wandel der Stadt. Viele, sagt er, würden Berlin heute absprechen, für den Kunstmarkt attraktiv zu sein. Künstler werden an die Peripherie gedrängt, es gibt eine Galerienschwemme, nur so zum Beispiel.

Vor einem Jahr hatte Peichl offenbar selbst Zweifel am Kunststandort Berlin. Da schloss er seine Galerieräume am touristischen Checkpoint Charlie, weil er „keine Möglichkeit mehr sah, Kunst glaubhaft in dem Umfeld präsentieren zu können“. Drei Jahre zuvor hatte er eine Dependance in Wien eröffnet. „Damals haben mich alle für irr erklärt“, sagt er und lächelt. Ihn amüsiert, dass bald darauf viele andere deutsche Galerien es ihm gleichtaten und in die österreichische Hauptstadt wechselten.

Warum also jetzt wieder Berlin? „Antizyklisch zu handeln ist immer eine ganz gute Idee“, sagt er. Und die Kulturpolitik, findet er, stelle Kurskorrekturen zumindest in Aussicht, wolle etwa die Erhöhung der Umsatzsteuer von 7 auf 19 Prozent auf Kunst wieder zurücknehmen. Es war nur nicht sofort klar, wie die Rückkehr aussehen könnte. Rein temporäre Zwischennutzungen, wie sie derzeit angesagt seien, habe er nach Gesprächen mit den Sammlern und vor allem den Künstlern verworfen: „Es gibt dieses Bedürfnis nach einem Zuhause, in Form einer klassischen Galerie“, sagt er. Andererseits sei es eben „nicht wegzudiskutieren“, dass kuratierte Projektausstellungen an wechselnden Orten als Format „in der Berliner Kunstwelt stark verankert“ seien. Peichl ist niemand, der sich lange mit Zwiespältigkeiten herumschlägt. Er macht einfach: beides.

In der Fasanenstraße in Charlottenburg eröffnet Anfang November also die „klassische“ Galerie, und mit „Crone Side“ will Peichl künftig zwei- bis dreimal im Jahr einen größeren, temporären Ausstellungsraum an wechselnden Orten bespielen. Am Tempelhofer Damm 2 folgt Anfang Dezember die Schau „Luftbrücke“, danach geht’s weiter nach Reinickendorf. Der auf den ersten Blick etwas marketingsprachige Titel „A Fist of Pure Emotion“ ist wohl auch ein bisschen der Eile geschuldet. Dass sie zwei Stockwerke dieses alten Hauses nutzen können, habe sich erst vor drei Wochen entschieden. Es sei mehr eine „Leistungsschau“ als ein kuratiertes Konzept, erklärt Peichl freimütig. Darunter einige frisch fertiggestellte Werke, wie Sahar Zukermans Ölbilder „All my Love I-III“: Jedes der Bilder dominiert ein Farbklang, rosa, blau oder violett, darauf gruppieren sich, als wäre es eine digitale Collage, Blüten und Tiere, Sanftes und Bedrohliches, Paradies und Hölle. Zukerman fährt täglich vom Wedding in sein Atelier in Hohenschönhausen.

Wenn Schauen wie diese den Stadtraum neu in den Blick nehmen wollen, dann geht dieses Vorhaben hier auf. Da spiegelt sich der 71 Meter hohe Radarturm des Tempelhofer Flughafens auf den Glitzer-Klebestreifen von Monika Grzymalas dreidimensionaler Raum-Zeichnung. Über Rudolf Polanskys changierenden Bildern aus Resten von Plexiglas huschen die Lichter, je nachdem, in welchem Winkel man steht.

Unbedingt muss man auf den Balkon treten, unten rauscht der Verkehr, dahinter dämmert der Flughafen, der keiner mehr ist, wo „zeitgenössische Kunst und Asylsuchende unter einem Dach“ lebten, wie Peichl sagt. Berlin ist vielleicht immer beides gleichzeitig, Bewegung und Stillstand, hier sein und trotzdem auch woanders. Seine Galerie in Wien behält Peichl übrigens, als dritten Standort.

Die Adresse: Crone Side, Tempelhofer Damm 2. Sonderöffnungszeiten während Art Berlin und Berlin Art Week: Heute (Do) bis 20 Uhr, Fr-So (28.-30.09.) 11-19 Uhr. Danach bis 17. November Mi-So 11-18 Uhr. Eintritt frei.

Mehr zur Berlin Art Week: www.berlinartweek.de

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