Kultur

Der Sound der Straße

Früher Gangster-Rapper, heute Publizist: Arye Shalicar hat ein wütendes Buch über das Aufflammen des Antisemitismus in Deutschland geschrieben

Der Autor des Buches "Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude", Arye Sharuz Shalicar, steht am 31.08.2013 im Stadtteil Wedding in Berlin auf seinem ehemaligen Bolzplatz. Judenhass zeigen nicht nur Neonazis. Auch in Migrantenvierteln herrscht häufig offener Antisemitismus. Arye Shalicar hat ihn tagtäglich erlebt, im Multikulti-Stadtteil Berlin-Wedding. Foto: Maurizio Gambarini/dpa (zu dpa "Besuch in der «No-go-Area»: Diaspora-Jude Shalicar in Berlin-Wedding" vom 04.09.2013) [ Rechtehinweis: (c) dpa ]

Der Autor des Buches "Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude", Arye Sharuz Shalicar, steht am 31.08.2013 im Stadtteil Wedding in Berlin auf seinem ehemaligen Bolzplatz. Judenhass zeigen nicht nur Neonazis. Auch in Migrantenvierteln herrscht häufig offener Antisemitismus. Arye Shalicar hat ihn tagtäglich erlebt, im Multikulti-Stadtteil Berlin-Wedding. Foto: Maurizio Gambarini/dpa (zu dpa "Besuch in der «No-go-Area»: Diaspora-Jude Shalicar in Berlin-Wedding" vom 04.09.2013) [ Rechtehinweis: (c) dpa ]

Foto: dpa Picture-Alliance / Maurizio Gambarini / picture alliance / dpa

Arye Shalicar muss ziemlich wütend gewesen sein, als er sein Buch geschrieben hat. Rasend. „Es brennt in mir“, steht da auf der zweiten Seite in großen Lettern. Und dass er, der jüdische Straßenjunge aus dem Wedding, der sich zum israelischen Nachrichten-Offizier hochgearbeitet hat, dieses Buch habe schreiben müssen. Es heißt „Der neu-deutsche Antisemit“ und trägt die schmerzende Frage im Untertitel: „Gehören Juden zu Deutschland?“ Ja, will man schreien, selbstverständlich. Wer aber sein Buch liest, sich mit der Lebensgeschichte von Shalicar beschäftigt, muss sich eingestehen: Damit jüdisches Leben in Deutschland wirklich selbstverständlich sein soll, bleibt reichlich viel zu tun.

Der „Gürtelschläger“ hat ihn „wahnsinnig sauer“ gemacht

Im April 2018 zum Beispiel, da drosch ein syrischer Flüchtling in Prenzlauer Berg auf einen jungen Mann mit Kippa ein. Der „Gürtelschläger“, sagt Arye Sharuz Shalicar am Telefon, habe ihn wahnsinnig sauer gemacht. Noch schlimmer aber war für ihn ein Vorfall einige Wochen vorher: An der Berliner Paul-Simmel-Grundschule wurde ein kleines Mädchen von muslimischen Mitschülern beleidigt, bedroht, weil sie Jüdin ist. „Das Gefühl, dass meine Tochter in Berlin bedroht würde, weil sie Jüdin ist – drei Generationen nach der Shoah – das ist eine Situation, die nicht durchgehen darf“, sagt er. Shalicar fährt in diesem Moment durch Jerusalem, seine Tochter, sein Sohn, sie sitzen auf der Rückbank des Autos, spielen.

Seit 2001 lebt Shalicar in Israel. Aufgewachsen aber ist er in Berlin, in Spandau und im Wedding, in einfachen Verhältnissen. Sein halbes Leben, sagt er, habe er auf der Straße verbracht. Er wuchs unter Arabern und Türken auf als Deutsch-Iraner, dem seine jüdische Identität egal war – bis sie andere zum Thema machten. „Jude, mach dein dreckiges Maul auf“, schreit ihn ein junger Palästinenser an. Er stopft dem 13-Jährigen Arye Erdbeeren in den Mund. Ruft: „Friss, Jude, friss.“ Arye spuckt die Erdbeeren aus. Ein anderer verpasst ihm eine Backpfeife. „Jude, verpiss dich aus unserem Bezirk.“ So beschreibt Shalicar im Buch eine Szene aus seiner Kindheit, Ende der 80er Jahre, in Berlin. Gehören Juden zu Deutschland?

„Meine Jugendjahre waren ein einziger Kampf ums Überleben“

Eindringlich beschreibt er in seinem Buch, wie er unter dem Hass litt. Jedes Mittel war ihm recht, seine Geschwister und sich zu verteidigen. Shalicar verbündete sich mit einer Weddinger Jugendgang, gründete später das Straßen-Rap-Kollektiv „Berlin Crime“. Er sei überrumpelt worden durch „diese jüdische Sache“. Diese jüdische Sache ist seitdem der Kampf, der sein Leben bestimmt – spätestens seit er nach Israel auswanderte. Shalicar sagt, wenn in Deutschland israelische Flaggen brennen, wenn wieder „Juden ins Gas“ gerufen werde, dann müsse man doch kämpfen. Sein Buch: ein Teil dieses Kampfes.

Es ist nach dem autobiografischen Buch „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ sein zweites Werk und wohl auch als Abrechnung zu verstehen, mit all jenen, die sich und ihren Judenhass hinter dem Wort „Israel-Kritik“ zu verstecken versuchen. Es öffnet die Augen dafür, was Juden täglich in Deutschland erleben müssen. Dazu hat er Facebook-Kommentare im Buch abgedruckt: den einfachen, bitteren Sound der Straße. „Ihr seit ein Volk des Giftes und ein stinkendes Drecks Volk was nicht mehr als das kz verdient meiner Meinung nach. Ich hoffe es kommt ein Adolf 2.0“, schreibt da einer in fragwürdiger Orthografie an den Juden Shalicar.

Doch auch der kann austeilen – Shalicar versteht den Sound der Straße, spricht ihn selbst. „Ich bin nun mal im Wedding groß geworden, nicht als Intellektueller – und so schreibe ich auch“, sagt er. So ist sein Buch keine fundierte Analyse eines neu aufflammenden Antisemitismus in Deutschland, eher ein anek­dotenreicher Einblick in die Welt derer, die Israel verachten, Juden hassen. Und eine Innensicht auf das Selbstbild des israelischen Staates – sicher: aus der Sicht eines Staatsbediensteten.

Neuer Antisemistismus

Redet man mit Shalicar über Israel oder den Nahost-Konflikt, spricht er bedächtig, regt ihn aber etwas auf, wie die These, dass der neue Antisemitismus allein aus dem arabischen Raum komme, überschlagen sich seine Worte: „Das ist absoluter Bullshit, der neu-deutsche Antisemit ist nicht nur muslimisch“, sagt er dann. In seinem Buch widmet er linkem Israelhass, rechtsradikalem Antisemitismus, christlichem Antisemitismus und den „Alibi-Juden“, die gegen Israel protestieren, ganze Kapitel – genau wie muslimischem Judenhass. „Die Deutschen können sich nicht von Antisemitismus freisprechen“, sagt er. Auch das gehört zu seiner Botschaft.

Shalicar hat sein Buch geschrieben, wie er Facebook benutzt: aktuell, anekdotenreich, emotional. Er sagt: „Ich bin es leid, dass wir nur neue Antisemitismusbeauftragte ernennen, Denkmäler aufstellen.“ So ein typischer Shalicar-Satz. „Wir müssen stattdessen verstehen, wie die neu-deutschen Antisemiten argumentieren.“ Sein Buch könnte ein Baustein dafür sein – jenseits dröger, wissenschaftlicher Aufsätze.

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