Allzu weit werden es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der „taz“ nicht haben, wenn sie in den kommenden Wochen von der Kreuzberger Rudi-Dutschke-Straße 23 in ihr neues Redaktionsgebäude ziehen. Es reicht ein sechsminütiger Spaziergang, bis man vor dem Eingang des sechsstöckigen Gebäudes an der Friedrichstraße 21 steht. Für 23 Millionen Euro hat die Genossenschaft der Tageszeitung hier ein sechsstöckiges Domizil errichtet, das den Mitarbeitern auf 6000 Quadratmetern Platz zum Arbeiten bietet – deutlich mehr als in den alten Räumen, die, wie „taz“-Chefredakteur Georg Löwisch bei der Gebäudevorstellung am Montag sagte, „aus allen Nähten platzen“.
Man kehrt also dem altehrwürdigen Kreuzberger Zeitungsviertel nicht den Rücken – selbst der langjährige Lieblingsfeind, der Axel Springer Verlag mitsamt seinem goldenen Hochhaus, wird weiter in Sichtweite bleiben. Auch die eindrucksvolle Kai-Diekmann-Skulptur, mit der der Künstler Peter Lenk im Jahr 2009 die zum Springer Verlag weisende Fassade des alten Gebäudes schmückte, wird die Passanten weiterhin erfreuen: Die Immobilie in der Rudi-Dutschke-Straße bleibt im Besitz der Genossenschaft und wird für sie in Zukunft Mieteinnahmen erwirtschaften.
Szenario: Ab 2022 soll nicht mehr täglich eine gedruckte taz erscheinen
Im neuen Gebäude nutzte „taz“-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch die Gelegenheit, um das Szenario zu erläutern, das kürzlich in der Branche für Aufsehen gesorgt und offen mit dem Gedanken gespielt hatte, ab dem Jahr 2022 keine werktäglich gedruckte Ausgabe der 1978 gegründeten „taz“ mehr an die Kioske zu bringen. Das konnte für niemanden, der sich auch nur halbwegs für Auflagenentwicklungen von Tageszeitungen interessiert, wirklich überraschend kommen. Und doch stockte nicht nur den Kollegen, sondern auch vielen Lesern kurz der Atem. Der „taz“-Führung war es deshalb wichtig, dass hier das Datum nicht im Sinne eines fixierten Countdowns zu verstehen ist, sondern als Ausgangspunkt für Überlegungen zum Transformationsprozess, die im digitalen Zeitalter unumgänglich erscheinen. Die Geschäftsführung zeigte sich optimistisch, dass auch nach einer Einstellung der werktäglichen Ausgabe mit Hilfe von entsprechend höheren E-Paper- und App-Verkäufen genug erwirtschaftet werden kann, um das Projekt „taz“ auch in fernerer Zukunft am Leben zu erhalten.
Aber zunächst gilt es, im Jahr des 40. Geburtstages das neue Gebäude einzuweihen. Viel Sichtbeton im Innern und viele Fenster, dazu eine deutlich erhöhte Zahl von Besprechungszimmern und Konferenzräumen werden das Ihre tun, um den „taz“-Mitarbeitern auch bei unwirtlichen Marktbedingungen eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu verschaffen. Die ist ihnen zu wünschen. Denn der deutsche Blätterwald braucht die „taz“ auch dann, wenn er eines Tages nicht mehr aus Papier besteht.


