Gorkitheater

Liebe in Zeiten von #MeToo und Chemnitz

Yael Ronen spießt zum Spielzeitbeginn am Gorkitheater die Verunsicherung zwischen den Menschen auf.

Meinen sie Ja oder Nein? „Yes but No“ ist ein charmantes Musical über  die Verwirrung zwischen den Geschlechtern

Meinen sie Ja oder Nein? „Yes but No“ ist ein charmantes Musical über die Verwirrung zwischen den Geschlechtern

Foto: david baltzer / david baltzer / bildbuehne.de

Berlin. Engländer sind kompliziert. Was sie sagen wollen, verstecken sie hinter Floskeln, die ähnlich klingen, aber das Gegenteil meinen können. Gerade beim Flirten. Wer soll verstehen, dass die Reaktion „eine sehr interessante Idee“ ein Nein bedeutet, „keine schlechte Idee“ aber ein Ja? Riah May Knight demonstriert als Britin diese sprachlichen Spitzfindigkeiten an Taner Şahintürk, der dabei herrlich überfordert aus der Wäsche schaut.

Dass sich bei allem Witz dennoch eine äußerst erotische Spannung einstellt zwischen den beiden, gehört zu den Bühnenwundern, die Yael Ronen und ihren großartigen Schauspielern immer wieder gelingen. Diesmal hat sich Ronen in „Yes but No“ zur Gorki-Spielzeiteröffnung das schwierige Verhältnis der Geschlechter vorgenommen. Ja, aber nein – das markiert die Verunsicherung, die sich nach der #MeToo-Debatte über Missbrauch, sexuelle Gewalt, Grenzüberschreitung auftat: Will mein Gegenüber jetzt? Oder nicht? Lese ich die Zeichen richtig? Oder mache ich mich gerade unmöglich, ja strafbar?

Im Untertitel nennt sich der Abend „eine Diskussion mit Songs“, und genau das liefert er – ein argumentationsstarkes, charmantes Musical mit großartigen Nummern, die vor allem Knight und Lindy Larsson mit größtmöglichem Pathos ins Parkett schmettern, während die anderen sich zu Backgroundchören versammeln. Eine Handlung gibt es nicht, aber Anekdoten-Monologe, Argumente, witzige Auseinandersetzungen.

Wie immer jagt Ronen unter komischem Hochdruck ihre Schauspieler aufeinander, bis sie unvermittelt zu Schmerzpunkten vordringen, um sich in einen Song zu retten, eine Pointe, eine Selbstermächtigung. Wie Svenja Liesau, die zunächst wie eine Männerfantasie herumstolziert, rote Lippen, koketter Blick. Dazu plaudert sie sich durch Erfahrungen frühkindlicher und pubertärer Sexualität. Bis sie plötzlich von ihrem Stiefvater erzählt, der sich eines Nachts an sie heranmacht, während ihre Mutter im Bad den Föhn anstellt, um nichts hören zu müssen. Das sitzt. Danach zerlegt Liesau die Bühne, und man versteht genau, warum das sein muss.

Wie wollen wir miteinander leben?

Ja, es geht viel um Sex und das Reden darüber. Aber anders als „Erotic Crisis“ von 2014 wird „Yes but No“ immer wieder generell, weil der Abend – auch vor dem Hintergrund von Chemnitz und Co – fragt, wie wir zusammenleben wollen. Dass das ein Aushandlungs- und Lernprozess ist, dass man einander immer wieder auf Augenhöhe begegnen muss, dass Nein auch Nein bedeutet. Und dass eine Ablehnung keine Ohrfeige ist, sondern Teil der Verhandlung um Nähe und Distanz. Einmal erzählt Knight davon, wie ein Tinderdate auf ihre Zurückweisung reagierte: „Danke, dass du auf dich aufpasst.“

Klingt fast zu schön, um wahr zu sein, wird aber in den anschließenden Workshops ausprobiert. Der Abend ist nämlich nach 75 Minuten noch nicht zu Ende, sondern geht in kleinen Gruppen weiter, wo die Schauspieler der Produktion das Publikum in Übungen dazu animieren, Nähe und Zurückweisung, das Nein und die Einladung zur Umarmung auszuprobieren. Das schürft nicht tief, zeigt aber, wie überraschend einfach das sein kann, einander und sich selbst mit Achtsamkeit zu begegnen.

Vor „Yes but No“ hatte im Studio „You are not the hero of this story“ Premiere – ein thematisch klug gesetztes Doppel. Nach ihrem fulminanten feministischen „Stören“ hat Regisseurin Suna Gürler diesmal zusammen mit Autor Lucien Haug einen Abend über Männer gemacht. Auf einer abschüssigen Rampe tigern die fünf Schauspieler erst breitbeinig, dann zunehmend verunsichert herum, bis alle Gewissheiten ins Rutschen geraten. Dazu kommen vom Band Stimmen realer Männer, die über ihre Rolle nachdenken – nicht besonders reflektiert.

Der Versuch, Männer- und Theater(haupt)rollen in ein produktives Verhältnis zu setzen, zündet nur bedingt. Schade: Die vier Schauspielerinnen und der Schauspieler, allesamt in Anzug, mit Sneaker, Oberlippenbart, zeigen sehr überzeugend, wie fließend die Grenzen zwischen den Geschlechtern sind. Zusammen mit dem Ronen-Abend ergibt das die Botschaft: Seid freundlich zu euch und zu den anderen, dann klappt’s auch mit dem Nachbarn.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte, Karten 20221-115. „Yes but No“ wieder 13., 28. September, 5., 29. Oktober, „You are not ...“ wieder 13.,14. September, 6. Oktober

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