Die Show startet mit einer halben Stunde Verspätung. Die Musical-Crew hatte eine Reifenpanne. Kam zu spät an in Berlin. Und hatte dadurch offenbar zu wenig Zeit für einen ordentlichen Soundcheck. So beginnt die Berlin-Premiere des außergewöhnlichen Rock-Musicals „Green Day’s American Idiot“ am Freitagabend im Admiralspalast mit einem akustischen Debakel.

Was man sieht, ist überzeugend, doch was man hört ist ein von Hall durchzogener dumpfer Brei, in dem kaum etwas zu verstehen ist. Das ist doppelt schade bei einem so energiegeladenen Ensemble und dem gleich am Beginn stehenden Hit „American Idiot“ der amerikanischen Punk-Pop-Band Green Day. Im Verlauf des Abends wird es etwas besser, wenn auch nicht auf allen Plätzen des Theaters.

Die Musik erzählt die Geschichte

Green Day hatten ihr 2004 erschienenes, siebtes Album „American Idiot“ als Konzeptalbum angelegt. Das Album wurde mehr als 15 Millionen Mal verkauft und mit einem Grammy ausgezeichnet. Kein Wunder, dass Green-Day-Sänger Billy Joe Armstrong und Regisseur Michael Mayer nur wenige Jahre später eine Bühnenversion des Albums ausheckten. Das Musical feierte 2009 im Berkeley Repertory Theatre Premiere und zog 2010 ins St. James Theatre an den New Yorker Broadway. Nun ist die deutsche Fassung, die im Januar in Frankfurt am Main Premiere feierte, erstmals in Berlin zu sehen.

Die Bühne ist karg. Links und rechts steht die sechs Musiker starke Band auf Podesten, ein riesiger Spiegel und zehn Stühle sind die einzigen Requisiten. Als das erste Gitarrenriff erklingt, springen die zehn jungen Darsteller mitten im Publikum auf, fangen an zu singen und hasten über einen in den Saal ragenden Laufsteg auf die Bühne. Die Geschichte, die sich entspinnt, wird einzig über die Musik erzählt. Sie handelt von den drei Kumpels Johnny (Philipp Büttner), Will (Dennis Hupka) und Tunny (Sebastian Smulders), die der Enge einer piefigen Vorstadt entfliehen wollen.

Die Tagebucheinträge leiten zwischen den Songs über

Die wenigen gesprochenen Passagen bleiben Johnnys knappe Tagebucheinträge, die von einem zum anderen Song überleiten. Die drei Freunde suchen jeder auf seine Weise das große Glück. Der eine zieht in die große Stadt, der zweite in den Irak, der dritte findet den Absprung nicht. Es geht um Drogen und Krieg, Medien und Schwangerschaft. Alles etwas schlicht und plakativ und nicht immer leicht zu durchschauen. Auch bleibt dem Stück wenig Zeit, seinen Charakteren so etwas wie Tiefe zu geben.

Und doch nimmt die temporeiche Inszenierung von Thomas Helmut Heep schnell gefangen. Die Band spielt straff und routiniert, die zehn Darsteller ziehen stimmstark und bewegungsintensiv in ihren Bann. Und die Songs von Green Day wie „Wake Me Up When September Ends“ oder „Boulevard of Broken Dreams“ funktionieren tatsächlich auch in der deutschen Übersetzung von Titus Hoffmann. Einige Besucher haben das Theater vorzeitig verlassen. Der begeisterte Schlussapplaus war dennoch laut und langanhaltend. Und vielleicht hat es bei den beiden Vorstellungen am Sonnabend ja auch mit dem Sound geklappt.