Mercedes-Benz Arena

Müller-Westernhagen begeistert unplugged in Berlin

Am Freitagabend wiederholte Müller-Westernhagen seinen „Unplugged“-Erfolg vor 7500 Besuchern in der bestuhlten Mercedes-Benz-Arena.

 Marius Müller-Westernhagen auf der Bühne

Marius Müller-Westernhagen auf der Bühne

Foto: Thomas Frey / picture alliance/dpa/picture alliance

Als der Rocksänger Marius Müller-Westernhagen im Juli 2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz seine „Unplugged“-Show für den Musiksender MTV aufgenommen hatte, hat er offenbar Blut geleckt. Der für seine ansonsten aufwendigen und zumeist lautstarken Rockshows geschätzte Musiker präsentierte seine Stücke im intimen Rahmen im abgespeckten, akustischen Gewand. Und sowohl er als auch sein Publikum fanden dermaßen Gefallen daran, dass Westernhagen seither ohne krachende E-Gitarren, dafür mit Musikern an (zumeist) akustischen Instrumenten durch die Konzerthallen der Republik zieht.

Im vergangenen Herbst wurde er von 20.000 Fans in der Waldbühne gefeiert. Am Freitagabend wiederholte er den Erfolg vor 7500 Besuchern in der bestuhlten Mercedes-Benz-Arena. Das mit der Intimität solch „unverstärkter“ Konzerte hat sich freilich längst erledigt. Wirkliche Nähe lässt sich in einer Groß-Arena kaum erzeugen. Da nützen auch die links und rechts der Bühne platzierten Bildwände wenig. Und doch schaffen es der Mann mit dem dylanesken Cowboyhut und seine großartige Truppe, das Publikum mit routinierter Spontaneität und überbordender Spiellaune auf ihre Seite zu ziehen.

Westernhagen hat das Repertoire im Vergleich zur Waldbühne noch einmal kräftig entrümpelt. Kein „Willenlos“, kein „Geiler is‘ schon“, kein „Fertig“. Dafür mehr Balladen, denn die eignen sich für akustische Arrangements allemal besser als die derben Rock-Kracher. Von denen es später aber noch genügend gibt. „Für ‘ne bess’re Welt“ vom „Halleluja“-Album von 1989 hat er an den Anfang des Abends gestellt. „Baby, lass uns Liebe machen für ‘ne bess’re Welt, ich will Dein Mann sein für‘ ne bess’re Welt“, singt er. Und aktualisiert den Song mit der Zeile „Lass und Trump verjagen für’ne bess’re Welt“.

„Hass mich oder lieb mich“ wird zum schwül-treibenden Blues

Ein imposanter Auftakt. Immer wieder mahnt er im Laufe des Abends an, dass der Populismus nicht obsiegen darf, dass die Demokratie unser wichtigstes Gut ist, das es zu verteidigen gilt. Die Musiker sitzen auf Stühlen oder Barhockern, das Licht ist gelblich fahl gedämmt, das Ganze wirkt, als hätten sich hier ein paar gute Freunde zum gemeinsamen musizieren in einer Scheune zusammengefunden. „Hass mich oder lieb mich“ wird zum schwül-treibenden Blues, bevor mit „Ladykiller“ ein vom Rock ’n’ Roll zum Bluesrock mutierter Klassiker das Publikum von den Stühlen holt.

Gleich als viertes Stück des Abends wird „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ von der Leine gelassen, allerdings in einer zurückgenommenen Version, der die Zähne abgeschliffen wurden. Was später auch bei Hits wie „Sexy“ oder „Mit 18“ der Fall ist. Das ist gewöhnungsbedürftig. Anders als bei Balladen wie „Weil ich Dich liebe“, die in dieser Instrumentierung an Kraft gewinnen. Oder „Luft um zu atmen“, bei dem die Ehefrau des Sängers, Lindiwe Müller-Westernhagen, als Gastsängerin auf der Bühne erscheint.

Westernhagen, der im Dezember 70 Jahre alt wird, kann seine Stimme noch immer in dieser gutturalen, rotzigen Tonlage raunzen lassen, die andere nicht mal nach dem Gurgeln mit Metallspänen hinbekommen würden. Genauso gut kann er bei Balladen in sehnsuchtsvoll tenorales Schmachten verfallen, ohne pathetisch zu werden. Bewegend gerät „Liebe (Um der Freiheit willen)“, das Lied, das er unter dem Eindruck der Arabischen Revolution geschrieben habe. Heute, so sagt er, habe der Demokratie und Freiheit einfordernde Song eine neue und höchst aktuelle Bedeutung bekommen.

Das Publikum singt lautstark mit

Seine Musiker spielen, drückt man mal bei der Hammond-Orgel ein Auge zu, ausschließlich auf akustischen Instrumenten. Was die Tontechnik in der Halle vor einige Probleme stellt. Der perfekte Sound gelingt nicht immer. In einem gesonderten Programmpunkt stellt Bandleader und Pianist Kevin Bents jeden der 15 Musiker einzeln vor, darunter den wunderbaren Slidegitarristen Carl Carlton, den Gitarristen Brad Rice, der immer wieder mal zur Mandoline wechselt, Drummer Aaron Comess, Saxofonist Frank Mead und Violinistin Gillian Rivers. Vier Chorsänger komplettieren die große Formation.

Immer wieder singt das Publikum lautstark mit, ob bei „Taximann“ oder bei „Wieder hier“. Da hält es dann auch Westernhagen nicht mehr auf seinem Hocker. Mit „Halt mich noch einmal“ vom 2014er-Album „Alphatier“ geht es nach zwei Stunden balladesk ins Finale. Der Jubel ist groß, fünf Zugaben sind sicher, darunter „Johnny Walker“, die Bowie-Coverversion „Heroes/Helden“ und natürlich die Hymne „Freiheit“. Auch hier singt wieder alles mit. Und beim nächsten Konzert werden ja vielleicht doch wieder die E-Gitarren ausgepackt.