Entspannt geht es zu auf der Dachterrasse vom Haus der Kulturen der Welt. Scritti Politti gibt eines ihrer seltenen Konzerte. Der letzte Berliner Auftritt der britischen Band liegt immerhin sechs Jahre zurück. Kein Wunder, dass sie von den zahlreichen Fans sehnsüchtig erwartet wurde.

Frontmann Green Gartside und seine dreiköpfige Band haben anfangs erstaunlich viele sommerliche Reggaerhythmen im Gepäck. Der Opener „The Sweetest Girl“ geht angenehm in die Beine, ein Großteil des Publikums wippt mit. Den Song hat Gartside, wie er erzählt, vor 40 Jahren geschrieben. Nach eigenem Bekunden war er da gerade sechs Lenze jung. Stimmt natürlich nicht, und er erntet heftiges Gelächter. Überhaupt ist der 62-Jährige blendend aufgelegt. Dass er mal Auftrittspaniker war und jahrzehntelang Konzertbühnen gemieden hat, merkt man nicht.

Vor dem stimmungsvoll illuminierten Haus der Kulturen der Welt tritt Scritti Politti auf im Rahmen des von Detlef Diederichsen und Martin Hossbach kuratierten Festivals „Wassermusik“. Den Brexit vor Augen, dankt die nunmehr elfte Ausgabe unter dem Titel „Goodbye UK – and Thank You for the Music“ Großbritannien für 60 Jahre exquisiter Popmusik. Mit Scritti Politti als krönendem Abschluss.

In lockerer Folge spielt sich die Band durch ihre Schaffensperioden. Von der frühen Punkphase über die New-Wave-Ära bis zum Art-Pop. Natürlich darf dabei auch der Song „Skank Bloc Bolo­gna“ nicht fehlen. Die erste, 1978 in Eigenregie aufgenommene Single, die von Radiolegende John Peel entdeckt wurde. Und Auftakt war zu einer wechselvollen Bandkarriere.

Gegründet wurde Scritti Politti 1977 von den Kunststudenten Paul Julian Strohmeyer alias Green Gartside und Tom Morley. Von Beginn an zeichnete sich die Band durch etliche kreative Auszeiten und Stilwechsel aus. Der Name ist übrigens eine Hommage an den marxistischen Philosophen Antonio Gramsci und seine „Scritti Politici“, zu Deutsch: politische Schriften.

Seit den Achtzigern ist Gartside alleiniger Mastermind der Band, die damals Synthiepop mit philosophischen Texten machte. Kommerziell durchaus erfolgreich. Heute ist es ein Mix aus Funk, Elektronik, Hip-Hop und Soul verbunden mit kluger Pop-Poesie, der live bestens ankommt. Puristisch, im besten Sinne unaufgeregt und transparent in­strumentiert.

Green Gartside glänzt dazu mit seiner so sanften wie markant hohen Stimme. Scritti Politti war und ist eine Band für alle, die es intellektuell und musikalisch gehaltvoller mögen.