„Das wird eine Show, bei der alles zusammenbricht“, versichert Sänger Win Butler dem Publikum. „Dafür gibt es doch sicher ein sehr spezifisches deutsches Wort, eines, das beschreibt, dass einen Tag lang alles falsch läuft und kaputt geht.“
An Versprechungen ist das Konzert von Arcade Fire am Montag in der Zitadelle Spandau nicht arm gewesen. Schon im Vorfeld hatte die Band angekündigt, eine besonders intime Show spielen zu wollen. Die Erwartungen für ihr Konzert legten die kanadischen Musiker also selbst hoch: Persönlich sollte es werden, aber auch ungestüm, holprig und destruktiv.
Arcade Fire zelebrieren ein kleines Familienfest
Tatsächlich beginnt der Abend im Rahmen ihrer „Infinite Content“-Tour intim. Die Musiker erscheinen nicht direkt auf der Bühne, sondern stellen sich zunächst auf einem kleinen Podest in der Menge im Kreis auf und senken verschwörerisch die Köpfe. Anschließend laufen sie, von Wellenbrechern abgeschirmt, durchs Publikum zur Bühne und beginnen ihr Konzert mit dem Song „Wake up“.
Während des ersten Liedes ziehen sich einige graue Wolken über der Zitadelle immer weiter zusammen, bis sie sich schließlich auf das Publikum ergießen. Die Band lässt sich davon nicht beirren, Win Butler schleudert ein Tamburin in die Menge, während sein Bruder William wild über die Bühne wirbelt. Régine Chassagne, Wins Ehefrau, tanzt neben ihrem Mann. Wie immer ist das Konzert von Arcade Fire ein kleines Familienfest.
Die Fans von Arcade Fire halten trotz Kritik ihre Handys hoch
Schon während des nächsten Songs „Neighborhood #3“ endet der Regen wieder und die Wolkendecke reißt auf. Zum Glück für die Fans soll dies der einzige Schauer des Abends bleiben.
Win Butler verrät, dass die Band bei diesem Konzert einige ältere Lieder spielen will; Nummern, die sie nicht ständig auf der Bühne performen. Los geht es mit „Headlights Look Like Diamonds“ von ihrer 2005 erschienen EP „Arcade Fire“. Es folgt „Deep Blue“ vom Album „The Suburbs“.
„‚Deep Blue‘ haben wir geschrieben, als wir zum ersten Mal auf der Bühne standen und gesehen haben, wie viele Handys in die Höhe gehen“, erklärt Win Butler. Der Song ist eine Kritik an den immer präsenten Smartphones. Was viele im Publikum kalt zu lassen scheint, denn noch immer sind zahlreiche Handykameras auf die Bühne gerichtet. Zu Beginn der Nummer verpasst Win seinen Einsatz und entschuldigt sich dafür mit den Worten: „Tut mir leid, wir spielen den Song nicht oft.“
Wespenschwarm nervt Zuschauer beim Arcade-Fire-Konzert
Für das Lied „Electric Blues“ übernimmt Régine Chassagne den Gesang. Win leitet die Nummer lediglich mit der Bemerkung ein, dass die Zitadelle zwar nicht das Berghain sei, dass das Publikum aber trotzdem tanzen solle. Die Menge folgt seiner Aufforderung. Leider hat sich abgesehen von den vielen Besuchern auch ein Wespenschwarm in der Zitadelle eingefunden. Immerhin fordern die aufdringlichen Insekten selbst den größten Tanzmuffeln einige ekstatische Bewegungen ab.
Zu Beginn der Akustiknummer „Cars and Telephones“ gibt es erneut einen verpassten Einsatz, die Band muss von vorne beginnen. „Ich habe doch gesagt, dass es so wird“, triumphiert Win. „Jetzt fehlt nur noch, dass Blitze und Frösche auf uns niedergehen.“ Beim zweiten Versuch klappt es dann, und der akustische Song steht in angenehmem Kontrast zu den üppigen Arrangements ihrer neueren Lieder.
Mit den alten Songs erzeugt Arcade Fire Intimität
Generell sind es vor allem die älteren Songs, die jene angekündigte Intimität erzeugen. Wohingegen die Lieder des aktuellen Albums „Everything Now“ deutlich mehr Euphorie bei den Fans hervorrufen, schließlich laden die neuen Nummern mit ihrem ABBA-Sound und ihren eingängigen Refrains zum Mitsingen ein.
Das Konzert endet mit der versprochenen Destruktion. Für den Song „Rebellion (Lies)“ klettert William Butler mit einer Trommel das gut zehn Meter hohe Gerüst der Bühne empor. Er beginnt, mit einem Drumstick auf die Trommel einzuschlagen. Als das Lied vorbei ist, hat er die Trommel längst zerstört. Schließlich klettert er wieder nach unten und steht erschöpft auf der Bühne, während das Publikum noch Minuten nach dem Ende der Show die Lieder der Band singt.


