„Am Ende wird dieses Orchester singen“, sagt Ulrich Deppendorf in seiner Begrüßung. Ein Raunen geht am Freitagabend durchs Konzerthaus. Ein singendes Orchester? Der ehemalige Fernsehjournalist weiß, dass er nicht zu viel verspricht. Er war schon einen Abend zuvor im Konzerthaus, wo das Miagi Youth Orchestra aus Südafrika beim Festkonzert für Nelson Mandela ein ähnliches Programm gespielt hat. Nun eröffnet es das Jugendorchesterfestival Young Euro Classic, beginnt als Sinfonieorchester und endet als mitreißendes Showensemble mit Gesangs- und Tanzeinlagen.

    Die Festivalhymne von Iván Fischer, die von jedem Jugendorchester gespielt wird, erklingt diesmal im zarten Streichquintett-Gewand. Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hält als Pate des Orchesters eine kleine Ansprache. Das Ensemble setzt sich aus Jugendlichen der unterschiedlichsten sozialen, ethnischen und religiösen Gruppen zusammen. Es ist ein Regenbogenorchester.

    Die revolutionären Gedanken in Beethovens „Egmont“-Ouvertüre wollen noch nicht richtig zünden. Bleigewichte hängen an jedem Ton. Goethes Freiheitskämpfer ist von Anfang an zum Untergang verurteilt. Daran lässt Duncan Ward keinen Zweifel. Der junge britische Dirigent ist gerade dabei, sich zwischen Glyndebourne, Dresden und Trondheim einen Namen zu machen.

    Der Dirigent in Jeans und Turnschuhen auf der Bühne

    Die Märchenwelt von Strawinskys „Feuervogel“ durchstreift das Orchester mit einem sensiblen Gespür für die wechselnden Klangfarben. Geheimnisvoll schillernd zeichnet es den magischen Vogel, empfindsam den Reigen der Prinzessinnen. Aber erst die prasselnden Rhythmen des Höllentanzes entfesseln die Energie der Jugendlichen.

    Nach der Pause hat der Dirigent den schwarzen Anzug abgelegt, kehrt in Jeans und Turnschuhen auf die Bühne zurück. Das südafrikanische Miagi-Projekt, dessen Basis eine Musikschule und dessen Flaggschiff das Orchester ist, beschäftigt sich nicht nur mit klassischer Musik, sondern auch mit Jazz und afrikanischen Melodien. Im zweiten Konzertteil ehrt es zwei große Persönlichkeiten zu ihren 100. Geburtstagen: Leonard Bernstein und Nelson Mandela. Bernsteins „Prelude, Fugue and Riffs“ führt in die Welt der Synkopen und Saxofone. Das Orchester verwandelt sich in eine Big Band mit Bläsern, Klavier, Bass und Schlagzeug. Die Musiker fühlen sich sichtlich wohl mit den kratzbürstigen Klängen und vertrackten Rhythmen des Jazzstücks. Solist Visser Liebenberg spielt wilde Läufe und Glissandi auf der Klarinette.

    Für Mandela hat der Dirigent und Komponist Ward die Suite „Rainbow Beats“ geschrieben. Nach einem Schlagzeug-Duell setzt sie ständig wechselnde Schnipsel aus Tanzgrooves und Stammesgesängen zusammen. Das klingt mal poppig, mal jazzig oder folkloristisch. Hier sind die Melodien unbekannt, aber die südafrikanischen Musiker haben viel Freude daran. Sie spielen nicht nur, sie kreischen und johlen auch. Und tatsächlich singen sie sehr anrührend ein Lied im Chor. Dann machen sie Urwaldgeräusche. Zu der Zeit hat Ward längst aufgehört zu dirigieren. Er schwingt die Hüften auf dem Podium. Alle spielen im Stehen, lachen und tanzen dabei. Bei der Zugabe dirigiert der Saxofonist Tshepo Tsotetsi auch das Publikum. Standing Ovations? Na klar, der ganze Saal ist am Ende sowieso singend und swingend auf den Beinen.