Konzertkritik

Bad Religion in Berlin - Noch ist Punk nicht tot

Zum 30-jährigen Jubiläum ihres Debütalbums sind Bad Religion in Berlin aufgetreten. Für die Fans gab es eine große Überraschung.

Der Gitarrist der Punk-Rock-Band Bad Religion, Mike Dimkich (Archiv)

Der Gitarrist der Punk-Rock-Band Bad Religion, Mike Dimkich (Archiv)

Foto: picture alliance / Nicolas Armer/dpa

Berlin. Auffallend sparsam bewegt sich Sänger Greg Graffin zu den schnellen Gitarrenriffs auf der Bühne. Doch wenige Meter von ihm entfernt wird wild getanzt. Zwei Männer klatschen in der Luft ihre nackten Bierbäuche gegeneinander. Fünf Leute lassen sich von den Händen der pogenden Menge tragen. Sie gleiten über die Köpfe hinweg in Richtung Bühne, wo sie von muskulösen Security-Männern aus dem Publikum gepflückt und behutsam abgesetzt werden.

Dreißig Jahre ist es her, dass Bad Religion ihr Album „Suffer“ veröffentlicht haben, diesen Meilenstein wollen sie mit ihrer aktuellen Tour zelebrieren. Und das tun sie am Dienstagabend in der Columbiahalle, nur gehen sie dabei nicht so vor wie die meisten anderen Bands.

Die großen Hits von Bad Religion begeistern das Publikum

Das Konzert beginnt gemächlich. Zum Klang einer poppigen Elektroversion von „My Sharona“ kommen die Musiker winkend auf die Bühne geschlendert. Doch die Stimmung ändert sich, als sie ihre Instrumente aufnehmen. Mit dem Song „Stranger Than Fiction“ zeigen sie gleich einmal, wofür sie bekannt sind: Melodische Riffs und sozialkritische Texte.

Bei minimalistischer Bühnenshow steht an diesem Abend die Musik im Vordergrund. Nur ein Banner mit durchgestrichenem Kreuz, dem provokanten Logo von Bad Religion, ziert die Bühne. Den ersten Teil des Konzerts bestimmen die großen Hits der Band, für Lieder aus dem Album „Suffer“ ist zu Beginn noch kein Platz. Warum genau das so ist, soll erst später am Abend klar werden.

Zunächst sorgen Songs wie „American Jesus“ und „21st Century (Digital Boy)“ dafür, dass die Ausgelassenheit des Publikums immer wieder in Übermut mündet. Man begießt sich gegenseitig mit Bier, und immer wieder werden Plastikbecher meterhoch in die Luft geschleudert.

EIne Zugabe der besonderen Art

Die Gitarristen Brian Baker und Mike Dimkich spielen bei ihren ständigen kurzen Soli um die Wette. Sänger Graffin untermalt seine komplexen Texte mit bedachter Gestik. Der Punk-Rocker sieht mittlerweile aus wie der CEO einer Technikfirma, er trägt Brille, Poloshirt und auf seinem Kopf wächst ein weißer Haarkranz.

Graffin verrät, dass die Band derzeit im Studio arbeitet. Einen Vorgeschmack auf das neue Album bekommt das Publikum mit dem im Juni erschienen Song „The Kids Are Alt-Right“. Die sarkastische Hymne behandelt die neue politische Rechte in den USA und bietet eine tanzbare Mischung aus Rock ’n‘ Roll und Punk.

Nur wenig später verschwinden die Musiker von der Bühne. Doch wer mit einer einfachen Zugabe gerechnet hat, soll überrascht werden. Das Banner mit dem Logo der Band wird heruntergerissen, darunter kommt das gemalte Cover ihres Albums „Suffer“ zum Vorschein. Es zeigt einen brennenden Jungen auf dem Gehweg einer amerikanischen Vorstadtstraße.

Hitze vor und im Konzertsaal

Die Musiker kommen zurück auf die Bühne und verkünden, dass sie ihr dreißig Jahre altes Album nun in voller Länge spielen werden. Und selbst ein kurzer Tonausfall kann die Band nicht an ihrem Vorhaben hindern. Noch ist Punk nicht tot, er feiert jetzt lediglich Jubiläum.

Das Publikum ist mittlerweile ruhiger geworden ist. Ein Grund hierfür könnte sein, dass nicht jeder alle Lieder des frühen Albums kennt. Mitverantwortlich ist aber sicherlich auch die Hitze im Saal. Vor der Halle herrschen 34 Grad, und drinnen läuft nicht nur den Musikern der Schweiß aus den Haaren. Ein Glück, dass es sich bei „Suffer“ nicht um ein Doppelalbum, sondern um ein relativ kurzes Werk von 26 Minuten handelt.

Zum Schluss bedankt sich Bassist Jay Bentley beim Publikum. „Danke, dass ihr es dreißig Jahre mit uns ausgehalten habt“, sagt er und schürt noch einmal die Hoffnung der Fans, indem er auf ein baldiges Album und eine neue Tour verweist.