Klassik

Jugendorchester aus aller Welt im Konzerthaus Berlin

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Martina Helmig
Vom 3. bis zum 20. August stehen 19 Konzerte im Konzerthaus am Gendarmenmarkt auf dem Programm

Vom 3. bis zum 20. August stehen 19 Konzerte im Konzerthaus am Gendarmenmarkt auf dem Programm

Foto: Kai Bienert/Young Euro Classic

Musikfestival mit einer besonderer Note: Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt treten bereits zum 19. Mal Jugendorchester auf.

Berlin. „Die Atmosphäre im Konzerthaus ist jedes Mal erstaunlich. Die Konzerte sind immer ausverkauft, und das Publikum ist so begeistert“, freut sich der Hornist Christian Panzer (19). Seit 2014 spielt er im Bundesjugendorchester. Bisher schon dreimal war er beim Festival Young Euro Classic in Berlin. Die jungen Musiker sind bei vielen Festivals zu Gast, bei den Gustav-Mahler-Wochen in Toblach, dem Enescu-Festival in Rumänien und immer wieder beim Beethovenfest in Bonn. Das Berliner Festival der Jugendorchester aus aller Welt ist aber immer etwas ganz Besonderes.

„Mich beeindruckt, dass wir hier in diesem internationalen Rahmen unser Land repräsentieren“, überlegt Christian Panzer und seine Kollegin Charlotte Thiele (18) fügt hinzu: „Es ist großartig, dass dort so viele andere junge Leute spielen, die genauso gern Musik machen wie wir.“ Wie ihr Kollege stammt auch die Geigerin aus einer Musikerfamilie. Mit drei Jahren hatte sie ihre erste Geige bekommen. Dass sie einmal Musikerin werden würde, stand für sie nie infrage.

Bei Bruckner spürte er, dass Musik mehr war als ein Hobby

Christian Panzer hatte sein Schlüsselerlebnis mit 13 Jahren im Landesjugendorchester. Bei der überwältigenden Aufführung von Bruckners achter Sinfonie spürte er, dass die Musik für ihn mehr war als ein Hobby. Für den kommenden Herbst hat er einen Studienplatz in München, während seine Kollegin noch ein Jahr zur Schule geht. Das Konzert am Gendarmenmarkt setzt immer den Schlusspunkt unter die Sommertournee des Bundesjugendorchesters. Es sind sehr emotionale Abende, an denen die Musiker noch einmal alles geben, bevor sie sich von ihren Orchesterfreunden verabschieden.

„Die Jugendlichen sind immer fasziniert vom Konzerthaus, und der Berlin-Bonus ist für unser Festival nicht zu unterschätzen“, meint Dieter Rexroth, der Künstlerische Leiter von Young Euro Classic, der das Festival im Jahr 2000 mitbegründet hat. „Anders als vor 20 Jahren gibt es heute viele Festivals, wo die jungen Musiker spielen können. Sie wählen sehr gezielt aus, wo sie ihre Zeit investieren.“

Das Berliner Sommerfestival scheint keine Probleme mit der Akzeptanz zu kennen. Das Konzerthaus ist immer gut besucht, und die Jugendorchester reisen auch in diesem Jahr wieder von mehreren Kontinenten aus an. Vom 3. bis zum 20. August kommen sie aus Südafrika, China, Neuseeland, den USA, Kanada und ganz Europa. 19 Konzerte stehen in den 18 Tagen auf dem Programm.

Besondere Feier von 100. Geburtstagen von Nelson Mandela und Leonard Bernstein

Nicht nur die Völkerverständigung, auch die Neue Musik wurde bei Young Euro Classic von Anfang an großgeschrieben. Fast jedes Jugendorchester bringt eine musikalische Neuigkeit aus seiner Heimat mit. 15 Ur- und Erstaufführungen konkurrieren diesmal um den Europäischen Komponistenpreis, den eine Publikumsjury vergibt.

Besondere Feiern richtet das Festival zu den 100. Geburtstagen von Nelson Mandela und Leonard Bernstein aus. Zur Eröffnung spielt das südafrikanische Miagi Youth Orchestra ein neues Werk von Duncan Ward. „Rainbow Beats“ will Mandelas Vision von einer friedlichen Regenbogen-Gesellschaft musikalisch widerspiegeln. Von Bernstein werden in mehreren Konzerten vor allem seine seltener gespielten Werke aufgeführt, auch vom Schleswig-Holstein Festival Orchestra, das er selbst gegründet hatte.

„Bisher war er in den Festivalprogrammen nicht oft vertreten, dabei ist er mit seiner Vielseitigkeit zwischen Klassik, Jazz und Musical doch eine unglaublich interessante Persönlichkeit“, findet Dieter Rexroth. Offenheit für viele Stile zeichnet auch das Festival aus. Neben traditionellen Symphoniekonzerten gibt es in diesem Jahr Experimentierecken beim Bundesjugendballett, bei „Klassik meets Jazz“ und dem Kristjan Järvis Abend mit Klassik und Live-Elektronik.

In Jugendorchester wird investiert

Dieter Rexroth hat in den siebziger Jahren erlebt, wie sich die ersten bedeutenden Jugendorchester wie die Junge Deutsche Philharmonie oder das European Union Youth Orchestra gründeten: „Berühmte Dirigenten wie Abbado und Haitink engagierten sich für die Projekte. Später gab es eine Phase, in der sich viele Dirigenten ein Jugendorchester zu eigen machten, weil sie sonst keine Karriere in Aussicht hatten. In den letzten beiden Jahrzehnten ist es wieder aufwärtsgegangen. Heute wird in Jugendorchester investiert.“ Vor allem in Frankreich und Holland sieht er erfreuliche Entwicklungen, aber auch viele andere Jugendorchester haben sich professionalisiert. Man kann ihnen heute ein ganz anderes Repertoire zumuten als noch vor 20 Jahren.

Für die Völkerverständigung ist wie im vergangenen Jahr der Auftritt des Young Euro Classic Ensembles China-Deutschland besonders wichtig. Musiker der Weimarer Musikhochschule und des Musikkonservatoriums Tianjin spielen gemeinsam „West-Östliche Capricen“. Die jungen Musiker aus den verschiedenen Orchestern begegnen einander seltener, als man denken würde. Die Ensembles können es sich kaum leisten, ein paar Tage länger zu bleiben, um andere Orchester anzuhören.

Ein straffer Zeitplan ist auch die Kehrseite der Professionalisierung. „Wir kommen am Abend vor dem Konzert an, vormittags können wir uns ausruhen oder uns etwas in der Stadt ansehen, dann kommen die Anspielprobe und das Konzert“, erzählt der Hornist Christian Panzer aus dem Bundesjugendorchester. Nach dem Konzert fahren alle nach Hause. „Wir wissen, dass es hier viele andere junge Musiker gibt, aber wir lernen niemanden kennen, leider.“