Festspiele

Lohengrin in Bayreuth: Willkommen in der Mottenkiste

Sänger und Dirigat werden vom Publikum bejubelt, für die Regie gibt es den höflich-kürzesten Applaus seit langem in der Geschichte.

Mit der Neuinszenierung der Wagner-Oper Lohengrin  begannen am Mittwochabend die Bayreuther Festspiele

Mit der Neuinszenierung der Wagner-Oper Lohengrin begannen am Mittwochabend die Bayreuther Festspiele

Foto: dpa

Bayreuth. Das Gottesurteil wird hoch in der Luft ausgefochten. Der Schwanenritter reißt Telramund einen Flügel aus. Der wird dann an die Gerichtseiche gespießt. Lohengrin fällt in der Neuinszenierung von Richard Wagners gleichnamiger Oper bei den Bayreuther Festspielen unter die Motten. Das Publikum bejubelt nach der Premiere die Sänger und das Dirigat von Christian Thielemann.

Aber für die Regie gibt es den höflich-kürzesten Applaus seit langem in der Geschichte des Grünen Hügels. Selbst die vereinzelten Buh-Rufer haben keine Lust, sich anzustrengen, dafür bietet die Produktion zu wenig Reibungsfläche. Das liegt weniger an den starken Bildern von Neo Rauch und Rosa Loy, sondern an Regisseur Yuval Sharon. Der ist offensichtlich damit überfordert, die Geschichte in Bewegung, in Personenführung, zu übersetzen. Der Chor steht so steif herum wie in Bayreuth seit Jahrzehnten nicht mehr. Willkommen in der Mottenkiste des Theaters.

Eine Trafostation dominiert die Bühne wie ein Tempel. Sie wirkt, als hätte eine fortgeschrittene Zivilisation sie vor Urzeiten in Brabant vergessen. Das Volk versteht die Phänomene der Elektrizität nicht, wird aber davon angezogen wie die Motten vom Licht. Daher haben König Heinrich, Telramund, Ortrud und Elsa Flügel und zittern mit den Händen wie die Nachtfalter mit ihren Fühlern. Nach dem genialen Bayreuther Ratten-„Lohengrin“ von Hans Neuenfels haben die Motten es nun schwer, auf Fallhöhe zu kommen.

Gigantische Flächen mit phantastischen Landschaften

Neo Rauch und Rosa Loy stellen dieses Trafo-Häuschen in den Blauraum eines gemaltem Rundhorizonts. Der Begriff des Malens darf hier wörtlich genommen werden, es sind gigantische Flächen, die das Künstlerpaar mit phantastischen Landschaften füllt, alleine der Verwandlungsvorhang zum zweiten Akt geht über die komplette Portalbreite von 13 Metern mit 12 Metern Höhe. Diese Malerei faltet sich immer wieder überraschend dreidimensional auf, und sie zitiert assoziativ Stimmungen von anderen Künstlern, Seestücke von Emil Nolde, Breughels lebenspralle Milieus aus dem ländlichen Flandern und die rätselhaften, blitzumtosten Häuser Friedrich Mecksepers.

So entstehen im geheimnisvollen Blau Bilder von großer Suggestionskraft. Die müssen allerdings mit Handlung gefüllt werden. Das scheint nicht so kompliziert, denn Lohengrin landet wie ein Kosmonaut mit seiner kantigen Flugmaschine auf dem Dach des Trafo-Häuschens mit seinen gigantischen Isolatoren. Der Erlöser, das wird schnell deutlich, kommt auch in eigener Mission. Er ist bedürftig. Elsa braucht er ebenso sehr wie diese ihn. Und deshalb nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn zwischen Frageverbot, Vertrauen und Kadavergehorsam finden die beiden keinen Weg zueinander.

Der wunderbare, klanggewaltige Chor ist die Schaltstelle im „Lohengrin“. Denn die Massen spiegeln alle Konflikte der Protagonisten unmittelbar und wandeln sie in politische und gesellschaftliche Energie um. Der Chor ist zwischen Gewalt und Akklamation schnell zu verführen und leicht zu manipulieren. Yuval Sharon hat, scheint es, wenig Erfahrung damit, weit über 100 Sängerinnen und Sänger sinnvoll zu choreographieren. Der Rundhorizont ermöglicht zwar eine akustisch optimale doppelchörige Aufstellung, aber selten hat sich ein Chor in der neueren Festspielgeschichte so wenig bewegt.

Blasse Protagonisten

Auch die Protagonisten bleiben blass, trotz der vielen Fesselungen. Ortrud zum Beispiel soll dem Konzept zufolge keine abgründige Intrigantin sein, sondern eine Katalysatorin für Elsas Emanzipation. Abgesehen davon, dass diese Lesart für den Konflikt überhaupt keinen Sinn macht, bringt sie auch die große Sängerin Waltraud Meier in Schwierigkeiten. Denn man kann die Ortrud nicht wie eine nette große Schwester singen, selbst wenn man sie so spielen muss. Waltraud Meier, vom Publikum enthusiastisch für ihre Rückkehr auf den Hügel nach 18 Jahren Bayreuth-Abstinenz gefeiert, legt all ihre Leidenschaft und Menschenkenntnis in diese Partie, und so gelingt ihr eine Ortrud, die nicht aus Bosheit, sondern aus Frustration über ihren Machtverlust zur Zündlerin wird.

Tomasz Konieczny hat es als Telramund demgegenüber schwerer. Denn sein Bariton ist zwar so dunkel und dämonisch, wie es die Rolle verlangt, aber er übersteuert häufig und man versteht ihn nicht. Georg Zeppenfeld findet hingegen für den König Heinrich feine lyrische Bögen und singt exzellent textverständlich. Der Sauerländer Bass ist ein begabter Sängerdarsteller. Aber auch das verschenkt die Regie, Zeppenfeld darf nur herumstehen und ab und zu hektisch die Hände aneinander reiben.

Piotr Beczala erweist sich wenig überraschend als allererste Wahl, wenn Bayreuth einen Lohengrin zu besetzen hast. Sein Schwanenritter ist hinter der Heldenattitüde ein Suchender, der mit Kontrollmätzchen wie dem Frageverbot seine Unsicherheit überspielt. Dazu passt der gut geführte, ausgesprochen farbenreiche und ausdrucksintensive Tenor.

Anja Harteros singt die Elsa zunächst recht scharfkantig als junge Prinzessin, die regelrecht paralysiert wird durch die falsche Anklage und durch die Angst vor dem Scheiterhaufen. Auf dem Weg vom Mädchen zur Frau gewinnt ihr Sopran an Fülle und Volumen, an sinnlichem Glanz und goldenen Lichtreflexen.

In den Olymp der Bayreuth-Maestros dirigiert

Christian Thielemann dirigiert sich mit dem „Lohengrin“ in den Olymp der Bayreuth-Maestros. Denn damit hat er alle zehn der bei den Festspielen aufgeführten Wagner-Opern geleitet, was zuvor nur Felix Mottl (1856-1911) gelungen ist. Seine Interpretation dieser romantischsten aller Wagner-Opern überrascht und beglückt gleichermaßen. Denn Thielemann wählt eben kein romantische Pathos, sondern lässt die Partitur durchscheinend leuchten und horcht immer wieder die Grenzen zum Impressionismus aus. Das klingt zunächst ungewohnt kantig und schnell außergewöhnlich spannend.

Am Ende ist die Trafostation verschwunden. Sie hat ja auch keinen Sinn mehr, nachdem Lohengrin als Erlöser selbst nicht erlöst werden konnte. Elsa ist durch ihre Fragen zwar nicht glücklich geworden, aber vielleicht klüger. Und schon eilt ein neuer Gott herbei, Gottfried, ein Grashüpfer ganz in Grün.