Kultur

Pianistisches Feuerwerk im Schloss Glienicke

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Mario-Felix Vogt

Nachwuchspianist Nikita Volov beeindruckt mit Debussy

Eigentlich sollte ja Dieter Lallinger den Klaviernachmittag in der Orangerie von Schloss Glienicke bestreiten, doch der langjährige Professor der Universität der Künste fiel kurzfristig wegen Krankheit aus. Für ihn sprang Nikita Volov ein. Der 26-Jährige Russe studierte bei der legendären Pianistin Elisso Wirsaladse in Moskau und setzt nun sein Solistenstudium bei Professor Stefan Arnold an der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin fort.

Für sein weitgefächertes Programm wählte er Stücke von Scarlatti, Haydn, Debussy und Liszt. Scarlattis Sonaten gestaltet er mit romantischem Ton und sparsamem Pedaleinsatz. Vermisst man in der d-Moll-Sonate K213 bei aller Klangkultur ein wenig die dynamischen Differenzierungen, so liefert Volov diese in der D-Dur-Sonate K491 nach: Orchestral klingende Passagen im Forte wechseln hier mit zarten Piano-Episoden.

Auch Haydns große Es-Dur-Sonate überzeugt: Die Forte-Akkorde haben sinfonische Größe, die schnellen Läufe im Presto-Satz Brillanz und das Adagio wunderbar gesangliche Melodiebögen. Insgesamt spielt er auf die große Linie des jeweiligen Satzes und kümmert sich nicht so sehr um Differenzierungen der Details. Haydns späte Klavierwerke stecken jedoch voller Überraschungen wie unerwartete Pausen und Fermaten, an denen die Musik plötzlich stehen bleibt, da könnte er sich gelegentlich etwas mehr improvisatorische Freiheiten nehmen. Ein wahres pianistisches Feuerwerk zündet der 26-Jährige in Debussys „L’isle joyeuse“. Tänzerisch schwungvoll und mitreißend intoniert er die punktierten Rhythmen, und beim Fanfarenmotiv am Ende des Stücks verwandelt er den Flügel in einen schmetternden Trompetenchor.

Liszts h-Moll-Sonate nähert sich Volov eher mit kontrolliertem Temperament. Zwar gerät das Eröffnungsmotiv mit den absteigenden Tonleitern etwas banal, da fehlt es an Düsternis und Abgründigkeit, doch insgesamt gelingt ihm die Sonate außerordentlich gut. Insbesondere die lyrischen Passagen des Mittelteils gestaltet der junge Russe herrlich kantabel und klangsinnlich, doch auch die hochvirtuosen Schlussoktaven bewältigt er absolut souverän. Das Publikum ist noch so gefangen in der Musik, dass es einige Sekunden dauert, bis Volov seinen wohlverdienten Applaus bekommt. Es folgen zwei Zugaben: Liszts teuflische schwere Etüde „Chasse neige“, die ein Schneetreiben musikalisch nachempfindet, sowie Chopins G-Dur-Nocturne; beides spielt Nikita Volov glänzend.

Es bleibt spannend, wie sich der Künstler entwickeln wird. Wenn er noch etwas mehr Risiko wagt und bei Liszt den Dämon in sich entdeckt, könnte sein Spiel noch weitere Ausdruckdimensionen gewinnen. Mario-Felix Vogt