Kultur

Farbe, Form und Proportionen

Das Museum für Konkrete Kunst aus Ingolstadt ist zu Gast bei Ketterer Kunst

In Grün, Orange, Rot, Blau, Lila und Gelb ergießen sich farbige Flächen auf gefaltetem Grund. Zu sechst minimalistisch als Serie gehängt, wirken die Arbeiten von Rainer Splitt wie Studien zur geometrischen Abstraktion, allerdings mit Störfaktoren. Denn keine der Farbflächen dehnt sich mathematisch akkurat aus, wenn der Künstler, Jahrgang 1963, seine Schachteln bastelt, pigmentierten Kunstharz hineingießt, die Farbe dann wieder auskippt und die Schachtel entfaltet.

„Paperpools“ heißen die Blätter und sind nun in einer Ausstellung bei Ketterer Kunst in der Fasanenstraße zu sehen. Der Schauraum des Münchner Auktionshauses hat das Museum für Konkrete Kunst in Ingoldstadt zu Gast und lädt mit farbenprächtigen und formschönen Werken zum Besuch einer herrlichen Sommerausstellung ein.

Ihre Wurzeln hat die Konkrete Kunst noch vor dem Zweiten Weltkrieg. 1924 wurde sie von Theo van Doesburg eingeführt als eine Kunstform, die im Idealfall auf rein geometrischen und mathematischen Grundlagen beruht. Im strengen Sinne hat sie nicht mit
Abstraktion zu tun, da sie nichts, was in der Realität vorkommt, abstrahiert, sondern sich ganz Farben, Formen und Proportionen widmet.

Klassiker in der Nachkriegszeit sind etwa die Zürcher Konkreten wie Paul Lohse (1902–1988) und Max Bill (1908–1994), von denen jeweils ein Gemälde ausgestellt ist. Den Blickfang, den man schon von außen durch die Eingangstür sieht, bildet das Gemälde „Cantus firmus II“ von Günter Fruhtrunk aus unregelmäßig breiten vertikalen grellgelben und schwarzen Streifen, die ab und an von schmalen blauen Linien unterbrochen sind.

Fruhtrunk war auch einer der vielen Künstler, die sich mit Konkreter Kunst befasst und zugleich in der Werbung gearbeitet haben. Von ihm stammt der Entwurf der Adli-Nord-Tüte. Anton Stankowski (1906–1998) entwarf das Logo der Deutschen Bank und ist hier mit dem Acrylgemälde „Aufgeklappt auf Weiß“ vertreten, das gleichzeitig das Logo des Ingolstädter Museums ist.

Herrlich verspielt ist auch die objektartige Arbeit von Paolo Scheggi (1940–1971) in Knallgelb. Drei Leinwände in dieser Farbe mit geometrisch angeordneten kreisrunden Löchern sind so übereinander gelegt, dass sich interessante Überlappungen ergeben.

Malerei wird so objekthaft. Ganz wunderbar ist auch die ungewöhnliche Nagelarbeit von Günther Uecker. Sie zeigt nicht, wie sonst oft bei Uecker, eine Spirale oder Verwirbelung. Diesmal stehen die Nägel in regelmäßigem Abstand nebeneinander. Das Bild ist eine Hommage an den Dichter Eugen Gomringer, der als Begründer der Konkreten Poesie gilt. Seine Sammlung mit Werken Konkreter Kunst bildet den Grundstein für den Bestand des Ingolstädter Museums.

Ketterer Kunst, Fasanenstr. 70, Charlottenburg. Tel.: 88 67 53 63. Mo.–Fr. 10–18 Uhr,
Sbd. 11–16 Uhr. Bis 30. September.

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