Umzug nächstes Jahr

Kollwitz-Museum: „Wir sind gekündigt, wir bleiben gekündigt“

Im Kollwitz-Museum richtet man sich auf einen Umzug 2019 ein – und feiert den Museumsgründer Hans Pels-Leusden mit einer Ausstellung.

Noble Adresse: Das Käthe-Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße, eröffnet wurde es 1986. Der Umzug ist für nächstes Jahr geplant

Noble Adresse: Das Käthe-Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße, eröffnet wurde es 1986. Der Umzug ist für nächstes Jahr geplant

Foto: imago stock / imago stock&people

Berllin. Im Käthe-Kollwitz-Museum nimmt man die Nachricht, dass das Exilmuseum einen Neubau am Anhalter Bahnhof bekommt, mit nüchterner Gelassenheit. „Wir sind gekündigt, wir bleiben gekündigt, wir freuen uns auf den neuen Standort“, so erklärt es Museumschefin Josephine Gabler. Ursprünglich sollte das geplante Museum in die Stadtvilla in der Fasanenstraße einziehen, den Sitz des Kollwitz-Museums. Museum gegen Museum – eine unglückliche und heikle Situation, zumal es für das Kollwitz-Museum zu dem Zeitpunkt noch gar keinen alternativen Standort gab.

So sorgte die Entscheidung im vergangenen Jahr für einige Turbulenzen, in deren Folge die damalige Chefin Iris Berndt ihren Job aufgab. Gabler, die im April antrat, richtet ihren Blick nun konsequent nach vorne. „Wir hätten hier am Standort umbauen müssen, wir sind nicht barrierefrei.“ Am neuen Standort am Spandauer Damm bekommt sie Platz für Depots, Büros, Museumspädagogik. Die Landesimmobilie vis-à-vis dem Charlottenburger Schloss ist mittlerweile gesichert, wird demnächst museumsgerecht umgebaut. Klima, Sicherheit – das muss stimmen. Anders als ihre Vorgängerin ist Gabler der Auffassung, dass die sozial engagierte Künstlerin Kollwitz durchaus ins gutbürgerliche Charlottenburg zu „verpflanzen“ ist.

Die Lage am Spandauer Damm scheint ideal, in direkter Nachbarschaft zum Museum Berggruen, einige Schritte weiter um die Ecke befinden sich das Bröhan-Museum und die Sammlung Scharff-Gerstenberg. Hier darf das Museum mit kunstaffiner Laufkundschaft rechnen, die gab es in der Fasanenstraße kaum. Die Direktorin und ihr Team bereiten sich auf einen Umzug Ende 2019 vor. Da könnte die Ausstellung, eine Hommage an den Hausherrn Hans Pels-Leusden, nicht aktueller sein. Der umtriebige Museumsgründer, Kunsthändler, Sammler und Maler wäre am 19. August 110 Jahre alt geworden. Als er 1993 starb, erinnerte sich Hans Kinkel in seinem Nachruf an ein „Original der Berliner Inselkultur“, einen motorischen wie sensitiven Typ mit der unablässig qualmenden Zigarre à la Flechtheim, der seinen scharfen Blick, wie Kinkel weiter schrieb, hinter die Kulissen von Kunstgeschäft und Kunstkonsum richtete. Er soll wie ein Besessener gearbeitet haben, der eigenen Legende nach 400.000 Zigarren über die Jahrzehnte geraucht haben, einige Hundert Fläschchen Wein inklusive.

1986 gründete Pels-Leusden das Kollwitz-Museum – seine Sammlung von Werken der Künstlerin floss dort als Grundstock mit ein genauso wie eigene Arbeiten, von denen nun eine Auswahl im oberen Stockwerk präsentiert wird. „Er hat ganze Konvolute vererbt, die nach über 30 Jahren zum Teil gar nicht mehr aufzuschlüsseln sind“, erklärt Josephine Gabler.

Pels-Leusden erhielt seine Ausbildung bei Willy Jaeckel in Berlin. 1925 malte er sich als 17-Jähriger, sehr selbstbewusst, fast dandyhaft in Anzug samt Schlips und ziemlich kokettem Blick. Einige Jahre später profitierte er von der inspirierenden Atmosphäre im Berlin der 20er- und frühen 30er-Jahre, rannte von einer Galerie zur anderen – von Al­fred Flechtheim zu Paul Cassirer und Karl Nierendorf. All dies ist nachzulesen in der neuen Monografie „Hans Pels-Leusden – In seliger Mal-Lust“, die im September im Lukas Verlag erscheint. Seine erste Ausstellung mit 24 Jahren eröffnete er 1932 in den Räumen des Vereins der Berliner Künstlerinnen.

1940 zog er in den Krieg, als er 1945 aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte, teilte er das Schicksal anderer „zerbombter“ Berliner Künstler, wie er es nannte. Seine Atelierwohnung war weitgehend zerstört, sein Werk auch. Seine Lebensplanung drehte sich. Um Geld zu verdienen, eröffnete er 1950 ein Antiquariat, das sich bald zu einer quirligen Kunsthandlung mauserte. Angeblich kam auch Bertolt Brecht rüber – die illustre Kunstboheme jedenfalls traf sich gern bei ihm am Olivaer Platz. Es war nur eine Frage der Zeit, dass er eine eigene Galerie eröffnete. 1965 war es so weit – beliebt war die Grafik der „Klassischen Moderne“ unter 500 Mark. Hans Pels-Leusden besaß jenen unbedingten Instinkt für die Kunst – und ebenso für sein Publikum.

Die eigene Kunst rückte nach dem Krieg in den Schatten. Einen individuellen Stil zu entwickeln, fiel ihm schwer, die Vielzahl seiner Ansätze vermittelt die Schau. Hauptsache, er konnte am Abend malen und skizzieren, es beruhigte ihn. „Er probierte viel aus, so disparat ist es dann auch“, so Gabler. Dazu gehörten expressive, verdichtete Abstraktion ebenso wie figurative Straßenszenen in Kohle und romantische Nachtlandschaften in Tusche. Öl, Kreide, Mischtechnik – alles dabei. Gabler hat die Schau in Themen wie (Stadt-)Landschaften, Stillleben und Selbstbildnisse gegliedert. „Ein Mensch mit ordentlichem Selbstbewusstsein“, bestätigt sie. „Da fehlte ihm nichts.“ Doch sieht sie die Selbstbildnisse weniger als egozentrischen Akt, eher als Mittel zur Selbstbefragung, wie bei vielen anderen Künstlern auch. „Es ist etwas zutiefst Introvertiertes, sich selbst zu befragen“, meint sie.

Eine Vitrine zeigt sein rastloses Suchen nach immer Neuem, nach ewiger Inspiration. Dort liegen Zeitungsseiten aus und Künstler- und Kunsthefte, die mit seinen wilden, kaum leserlichen Notizen versehen sind. „Das hat ihn“, so sieht es Gabler, „einfach gepackt.“

Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstr. 24.
Täglich 11–18 Uhr. Bis 9. September.

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