Man nennt sie die Desaparecidos, die Verschwundenen. Nachts wurden sie aus ihren Betten gezerrt, in geheime Lager gebracht, mit Schlägen und Elektroschocks gefoltert, lebend aus Flugzeugen geworfen. Für ihre Angehörigen waren sie wie vom Erdboden verschluckt. Tausende von Regimegegnern traf dieses Schicksal in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur in den 70er- und 80er-Jahren. Der junge argentinische Komponist Franco Bridarolli und der vielfach ausgezeichnete Autor Davide Carnevali erinnern an die Desaparecidos. „Ein Porträt des Künstlers als Toter“ eröffnet in der Neuen Werkstatt der Staatsoper das Festival für Neue Musik „Infektion!“

    Während das Publikum im Foyer auf den Einlass wartet, taucht Daniele Pintaudi auf und erzählt von einer unerhörten Begebenheit. Durch eine Namensverwechslung ist er in den Besitz einer Wohnung im argentinischen Cordoba gekommen. Aufgeregt malt er Wörter an die Fensterscheibe und reicht Fotos von der Wohnung unter den Zuhörern herum. Im nächsten Raum zeigt er uns ein Modell der Wohnung, das angeblich die Polizei für eine Gerichtsverhandlung angefertigt hat. Der Weg nach Argentinien ist weit. Wir folgen dem Schauspieler durch einen Hausflur, bis wir endlich in der geheimnisvollen Wohnung angekommen sind. Bald wird deutlich, dass aus dieser Wohnung einst einer der Verschwundenen entführt wurde. Alles ist konserviert, im Moment der Verschleppung ist die Zeit im Apartment stehen geblieben.

    Das Stück ist ein fulminantes Solo für den großartigen Schweizer Daniele Pintaudi, der in Berlin im Deutschen Theater, HAU und Radialsystem zu erleben war. Mit Sensibilität und Suggestionskraft zieht er das Publikum in seine pseudodokumentarische Geschichte hinein. Das Stück nutzt seine Doppelbegabung, denn Pintaudi ist auch ausgebildeter Pianist. In der Wohnung steht ein Klavier, in dem er die Gespenster der Vergangenheit einfängt, Bridarollis mal meditative, mal wilde Klangfetzen lebendig werden lässt.

    Ein Musiktheaterstück ist es allerdings nicht geworden, sondern ein Theaterstück mit Musik. Die Komposition spielt eine untergeordnete Rolle, auch wenn sie zur Erzeugung der unheiligen Atmosphäre sehr wirksam ist. Das Pro­blem des Abends ist, dass er sein Ziel nicht erreicht. Er möchte aufrütteln, beim Publikum Emotionen wecken. Schließlich darf man die Wohnung des Verschleppten sogar betreten, alles aus der Nähe sehen und anfassen. Trotzdem bleibt der Verschwundene unfassbar, weil man am Ende des Abends kaum etwas über ihn weiß. Der Mann bleibt ein Fremder, das ganze Rätsel liegt weiter im Dunkeln, auch wenn die Künstler sogar den vagen Versuch eines Happy Ends unternehmen.

    Staatsoper Unter den Linden/Neue Werkstatt, Mitte. Tel. 20354555 Termine: 1., 4., 6., und 8.7.

    Martina Helmig