Kultur

Late Night mit Kanzlerin in der Philharmonie

Überraschungsgala des scheidenden Simon Rattle

„Rattle My Cage“ heißt das kurze Stück von John Adams, mit welchem die Hornisten der Philharmoniker diese Late Night in der Philharmonie eröffnen. Siegfrieds Hornruf erscheint in klanglichem Industriedesign. Eine Show, kein klassisches Konzert vor Augen und Ohren eines voll besetzten Saals und der Weltöffentlichkeit in der Digital Concert Hall ist hier zu erleben – eine kurze spätabendliche Überraschungsgala für Simon Rattle, dessen Amtszeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nach 16 Jahren in wenigen Tagen endet.

Auf der anderen Seite des Foyers im Kammermusiksaal kann das Publikum schon einen Blick auf die Partytische erhaschen – die allerdings sind nach der Show exklusiv für die Philharmoniker, ihren Chef, für Angehörige und Weggefährten gedacht. Kann sein, dass Angela Merkel und Joachim Sauer, die neben Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Kultursenator Klaus Lederer in Block A sitzen, auch nach dem Programm noch bleiben dürfen.

Was und wen dieses Programm bietet, weiß zunächst niemand. Doch dann stürmt Magdalena Kožená von ihrem Zuschauersitz neben Ehemann Simon Rattle mit dem Ruf „All men are bastards“ aufs Podium und interpretiert ein zorniges Pamphlet des Komponisten Brett Dean auf das vermeintlich starke Geschlecht. Was hier an exquisiter Neuer Musik nach dem Geschmack des überraschten Simon Rattle geboten wird, kann man nirgendwo nachlesen.

Wer dort auftritt, muss man auch nicht nachlesen angesichts der Phalanx der weltbekannten und inkognito angereisten „Rattle-All-Stars“, wie Hornistin Sarah Willis sie anmoderiert: Die Sänger Christian Gerhaher und Mark Padmore treten auf und werden in etlichen Abschiedsliedern von Schubert über Brahms bis Schönberg von der Mozart-Pianistin Mitsoku Uchida begleitet. Es sind wegen der Entspanntheit und Freundlichkeit der Atmosphäre echte sängerische Glanzleistungen dabei.

Etwas zu entspannt und klamaukig kommt das Orchesterpotpourri daher, das die Philharmoniker in kleiner Besetzung unter dem Stardirigenten Daniel Harding präsentieren. Rattles Lieblings-Repertoirestücke werden gemixt, von der Matthäuspassion über Mahlers Fünfte und Sechste bis zum Sacre und zurück. Der Spaß übertönt den Geschmack. Schade.

Wenn man überhaupt jemanden an diesem Abend als „Special Guest“ bezeichnen kann, ist es die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan. Sie bringt die wild gewordene Philharmoniker-Truppe wieder zu phänomenaler Disziplin, als sie Gershwin singend und zugleich bis in heikelste Stellen hinein perfekt dirigierend darbietet. Es ist eine unterhaltsame und zugleich künstlerisch ausgefeilte Hommage an den umjubelten Simon Rattle.

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