Vor 30 Jahren ist Courtney Barnett in Sydney zur Welt gekommen, später zieht sie mit ihren Eltern nach Hobart, Hauptstadt der australischen Insel Tasmanien. Sie möchte Profi-Tennisspielerin werden und reist von Turnier zu Turnier, aber nachdem sie auch Gitarre lernen will, stellen die Eltern ihre Tochter vor die Wahl, weil sie nur ein Hobby finanzieren können. Was immer auch der Tenniswelt mit dieser Entscheidung verloren gegangen sein mag, für die Indiemusik war sie belebend. Post-Punk und Post-Grunge sind in die Jahre gekommen, eine leicht muffige Veranstaltung, in denen Helden von einst ihre größten Hits von einst spielen oder mit neuen Helden, die bereits nach dem ersten Hören wie eine Retroversion klingen.
Da kommt Courtney Barnett gerade recht. Eine intelligente, hübsche Songschreiberin mit verzottelten Haaren und einem interessanten Portfolio an Neurosen: Selbstzweifel, Prokrastination, Angstgefühle, Unbehagen auf größeren Gesellschaften und ein nicht auszutreibender Unwille, morgens das Bett zu verlassen, gleichermaßen gesegnet mit dem Talent, all die Psychosen in mehrdeutige Songtexte zu übersetzen.
19 Songs spielt sie an diesem Abend im Astra. Sie betritt grußlos die Bühne, zumeist geht ein Song in den anderen über, es ist weiß Gott kein Spektakel, das sie aufführt. Der Auftritt kommt jedoch nicht runtergespult daher, sondern aufrichtig. Sie sagt nicht, wie glücklich sie sei, in Berlin zu sein. Wie sollte sie auch? Am Tag zuvor war sie in Luxemburg, davor in Paris. Allein in diesem Monat wird sie 26 Auftritte haben, erst in Europa, später in Nordamerika. Da ist eine Stadt wie die andere.
Die melodiösen Stücke wie „Nameless, Faceless“, „Don’t Apply Compression Gently“ oder auch ihr wohl bekanntestes Lied „Avant Gardener“ gehen ein wenig unter, während krachige Lieder wie „I’m Not Your Mother, I’m Not Your Bitch“ oder „Charity“ live sich unter der größtmöglichen Lautstärke voll entfalten. Bei „Elevator Operator“ denkt man mit leichter Sehnsucht an Barack Obama, der 2016 angab, dass dieses Lied zusammen mit neun weiteren auf seiner Work-Out-Liste ist.
Seit 2015 ist Courtney Barnett die Heroine des Indierocks. Der Titel des damaligen Debütalbums trägt den selten schönen Titel „Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit“, 2018 kommt „Tell Me Who You Really Feel“ hinzu. Das erste Album war eine Offenbarung, das zweite Album ist schon allein deshalb großartig, weil es hinter dem Erstling nicht zurückbleibt. In der Zugabe verabschiedet sich Courtney Barnett mit „Anonymus Club“, ein Titel aus dem Film „Aus dem Nichts“ und in seiner Melancholie und Hingabe – und der Zeile „I had a really nice evening, just you and me“ – das Lied, an das man sich erinnern wird.
Matthias Wulff

