Um die Stachelschweine im Europa-Center ist es in den letzten Jahren ruhiger geworden. Doch nun ist dem Haus ein echter Coup gelungen: Michael Frowin ist seit dem 1. Juni neuer künstlerischer Leiter des Ensemble-Kabaretts. „Es gab seit Längerem den Wunsch in meiner Wahlheimat Berlin auch eine künstlerische Heimat zu finden. Daher habe ich mich intensiver umgeschaut und bin so zu den Stachelschweinen gekommen“, sagt der 48-Jährige.
Frowin ist wahrlich kein Unbekannter in der Berliner und bundesdeutschen Kleinkunstszene. Er hat vor und hinter der Bühne in allen großen Ensemble-Kabarett-Theatern gearbeitet. Egal, ob beim Düsseldorfer Kom(m)ödchen, der Dresdner Herkuleskeule oder der Berliner Distel. Selbstredend hat er auch auf allen wichtigen Kleinkunstbühnen gespielt. Zudem ist er regelmäßig im Fernsehen zu sehen, etwa in der SWR-„Spätschicht“ und seit 2010 im MDR-Kabarett „Kanzleramt Pforte D“ als Chauffeur der Kanzlerin.
Geboren 1969 im hessischen Marburg, nahm Michael Frowin nach dem Abitur Schauspielunterricht an der Berliner Schauspielschule, anschließend Gesangskurse bei Chanson-Legende Gisela May. Heute ist er Schauspieler, Kabarettist, Chansonnier, Regisseur, Bühnenautor, Opern-Librettist und Regisseur in Personalunion. Einer, der die Kleinkunst lebt. Ein Glücksgriff für die Stachelschweine, findet auch deren Chefin Charlotte Reeck: „Ich bin froh, ihn für unser Haus gewonnen zu haben.“
Für seine neue Aufgabe bringt Michael Frowin viel Erfahrung mit. Seit 2007 ist er bereits künstlerischer Leiter des Hamburger Theaterschiffs. Das hatte mal schwere Schlagseite, steht heute aber wieder mit eigenem Ensemble erfolgreich da und schreibt schwarze Zahlen. Für die Stachelschweine hat Frowin indes ganz eigene Ideen: „Ich möchte die Gruppe der Künstler erweitern, nicht mehr mit nur drei bis vier Schauspielern als festem Ensemble arbeiten, sondern einen Künstler-Pool. Auch Musiker oder Travestie-Künstler könnten dabei sein. Es geht darum, die Genre-Grenzen zu sprengen.“
Frowin träumt vom „Tanz auf dem Vulkan“
Frowin hat sich gefragt, wie zeitgenössische Satire in der Hauptstadt aussehen sollte? „Mir fällt dazu unendlich viel mehr ein als ein Kabarett-Monolog. Ich möchte die Produktionen schriller machen und nicht auf ein paar Leute beschränken, die vorn auf der Bühne die Welt erklären.“ Etwa mit Antje Rietz. „Sie kann fantastisch singen, tanzen, jodeln und Trompete spielen“, weiß Frowin. Künstlerisch träumt er ein bisschen von den Dreißigern, vom berühmt-berüchtigten „Tanz auf dem Vulkan“. Damals, als alles möglich war. Genau diesen Facettenreichtum wünscht er sich jetzt auch wieder. „Wir wollen uns nicht vom Kabarett verabschieden, sondern es erweitern. In jedem Fall wird es sehr musikalisch“, verrät er.
Als Künstler stand er in den letzten zwei Jahren immer häufiger auf der Bühne der Stachelschweine. Er kennt das Haus also. Schätzt die zentrale Lage, die Größe, das Ambiente. Daher verwundert es wenig, dass er nun schon konkrete Pläne für die nächsten zwei Spielzeiten hat. Wenngleich seine Berufung zum künstlerischen Leiter im Mai sehr kurzfristig erfolgte. „Ausgelöst durch das anstehende Jubiläum im nächsten Jahr. Gegründet 1949, sind die Stachelschweine das zweitälteste Ensemble-Kabarett Deutschlands nach dem Kom(m)ödchen. Und das älteste in Berlin. Für mich war klar, dass wir das Riesenjubiläum zum 70. Geburtstag unbedingt nutzen müssen“, erklärt Michael Frowin.
Darauf ist ab sofort sein Hauptaugenmerk gerichtet. Spürbare Änderungen gibt es aber schon in der nächsten Spielzeit „Ab Mitte Oktober bis Ende des Jahres stehen drei Premieren auf dem Programm. Dazu kommt noch die Wiederaufnahme von „Halleluja, Angela!“, mit dem „Dietmar Loeffler und ich hier letztes Jahr Premiere gefeiert haben“, so Frowin. Er selbst verantwortet alle Programme als Dramaturg und Hauptautor, setzt zudem auf einen Autorenpool mit bekannten Satirikern wie Axel Pätz und Martin Maier-Bode. Bei einigen Produktionen steht Frowin auch selbst auf der Bühne und führt Regie. Wenn nicht der renommierte Regisseur Hans Holzbecher inszeniert, der Teil seines Kreativ-Teams ist. Genauso wie der Hamburger Pianist und Theatermacher Dietmar Loeffler.
„Zur Spielzeit 2019 ein ganz anderes Theater“
Noch kann sich Michael Frowin seiner Aufgabe nicht voll und ganz widmen, denn der Mietvertrag der Traditionsbühne läuft nur von Saison zu Saison. Daher weiß er nicht, ob er tatsächlich Wurzeln schlagen kann. Und so wird der Tausendsassa erst mal auch anderen beruflichen Verpflichtungen nachgehen. Noch. Denn mit neuen künstlerischen Impulsen will Frowin Akzente setzen und alle, auch den Vermieter, davon überzeugen, dass die Stachelschweine immer noch wichtig für Berlin sind. Besonders gespannt darf man auf die Inszenierung zum 70. Geburtstag der Stachelschweine sein. Dann will Michael Frowin ein künstlerisches Statement abgeben, das sich gewaschen hat. Schon jetzt kündigt er vollmündig an: „Ich kann versprechen, dass man zur Eröffnung der Jubiläumsspielzeit 2019 ein ganz anderes Theater betritt.“ Wir drücken die Daumen.

