Der Chef kommt mit dem Fahrrad. Und weil es schön sonnig ist, hat Paul Spies nichts dagegen, sich kurz auf die Bank vorne an der Spree zu setzen, ehe es zum Ephraim-Palais geht. Er zeigt über das Wasser hinweg auf ein modernes Gebäude gegenüber – die holländische Botschaft. Hinter uns im Rücken liegt sein Revier: das Märkische Museum, nebenan das marode Marinehaus. Das Foto steht nun an: Soll er sein beiges Leinenhemd in die Jeans stecken oder lieber leger drüber? Einen Schlips hat er ohnehin nicht um. „Was meinst Du?“ fragt er uns. Also Hemd rein, raus, doch wieder rein. Spies ist ein nahbarer, kommunikativer Mensch, der schnell beim Du ist, so wie es der gebürtige Amsterdamer aus seiner Heimat kennt.

Wird ab 2020 saniert: das Märkische Museum am Köllnischen Park.
Wird ab 2020 saniert: das Märkische Museum am Köllnischen Park. © dpa | Jens Kalaene

Etwas über zwei Jahre ist es nun her, dass er von Amsterdam nach Berlin gezogen ist. In der Kollwitzstraße hat er eine Wohnung bekommen, die Familie ist ihm längst gefolgt. Derzeit dürfte er einer der meist beschäftigten Museumsdirektoren in Berlin sein. Einer, der sich jeden Tag mindestens vierteilen könnte, so viele Häuser und Aufgaben hat er gleichzeitig.

Das Humboldt Forum gilt derzeit als Deutschlands prestigeträchtigstes Kulturvorhaben

Da ist das in die Jahre gekommene Märkische Museum mit Nikolaikirche, Ephraim Palais, Knoblauchhaus und dem Museumsdorf Düppel. Zugleich führt er Regie als Chefkurator der Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum. Ein Projekt mit immensen Ansprüchen und politischer Fallhöhe: Das Humboldt Forum gilt derzeit als Deutschlands prestigeträchtigstes Kulturvorhaben, 2019 soll es eröffnen. Spies hat Erfahrungen mit Stadt-Modellen. In seiner Heimatstadt verjüngte er erfolgreich das dortige Stadtmuseum, die Besucherzahlen stiegen, die Einnahmen verdoppelten sich. So funktioniert Museumspolitik.

Für den Museumsmanager läuft es gut in Berlin, von Kultursenator Klaus Lederer erhält er Rückendeckung. Von Anfang an fühlte er sich gut aufgenommen in der Stadt. Da kann Ex-Theaterdirektor Chris Dercon ein ganz anderes Lied singen. „Ich finde es sehr offen“, sagt Spies, „dass die Berliner einen Holländer ihre eigene Geschichte erzählen lassen!“ Auch seine Kollegen in Amsterdam sind darüber erstaunt. Er holt sein Smartphone aus der Tasche, sucht, um uns ein Foto zu zeigen. Ein alter, leerer Pferdestall im Grünen, der ausschaut, als müsste noch einiges dran gemacht werden. Kürzlich hat er das Gebäude in Brandenburg gekauft. Seine Frau, eine Künstlerin, wird den Ausbau managen, sie hat ein Händchen dafür. „Damit sind wir eingebürgert!“, sagt er und grinst. Um gleich zu sagen, dass sein Vertrag für fünf Jahre läuft. Ein wenig kokett ist das schon.

Er arbeitet an einer Neuaufstellung des Museums

Das Humboldt Forum ist also Spies’ halbe Stelle, die andere das Stadtmuseum. Auch wenn eins mit dem anderen zusammenhängt, ist das ein gewaltiges Arbeitspensum. Im Humboldt Forum wird es um „Berlin und die Welt“ gehen, um die internationale Seite der Metropole. Die Ausstellung soll eine „Brücke schlagen“ in den zweiten und dritten Stock zu den Artefakten der außereuropäischen Sammlungen anderer Kontinente. „Wenn uns gelingt, die Leute zu ermutigen, sich alles locker und kritisch anzuschauen, haben wir unsere Rolle erfüllt“, meint Spies. Er setzt auf Berliner Lebensgefühl, auf viel „Atmosphäre“ in den Räumen. Mit nur wenigen Objekten in Vitrinen möchte der 58-jährige Museumsmanager Geschichten erzählen.

Das hat auch damit zu tun, dass die Räume auf ein „Bibliotheksklima“ eingestellt sind, ursprünglich war auf den 4000 Quadratmetern ja die Zentral- und Landesbibliothek geplant. Derzeit sind Spies und sein Team mit der Produktion einzelner Ausstellungselemente beschäftigt: Dazu gehören Filme, Fotos, Interviews und Texte. Im August 2019 wird der Aufbau beendet sein, dann beginnt die Testphase, damit bei der Eröffnung alles so glatt wie möglich läuft. „Viel Arbeit, aber wir sind im Zeitplan.“

Die Jukebox, zu sehen in der neuen Dauerausstellung „BerlinZeit“ im Märkischen Museum
Die Jukebox, zu sehen in der neuen Dauerausstellung „BerlinZeit“ im Märkischen Museum © Stadtmuseum Berlin | MICHAEL SETZPFANDT

Einen Termin mit ihm zu bekommen, grenzt an ein Berliner Weltwunder. Er zückt wieder sein Smartphone wie zur Verteidigung, scrollt die Tage durch, vormittags, nachmittags, die Wochen. Die Termine fliegen an unseren Augen vorbei. Jeder Tag ist voll, mal hier, mal da gibt es noch ein halbes Stündchen. Doch der Mann muss ja irgendwann einmal etwas essen. Am 2. Juli hätte er wieder einen freien Termin, Spies hält uns sein Handy hin. „Mein Kalender ist mein größtes Problem!“ Seine Arbeitstage sind streng eingeteilt. Montag: Kuratorensitzung Humboldt Forum. Donnerstag und Freitag: Treffen mit den Ausstellungsgestaltern. Dienstag und Mittwoch: Stadtmuseum. Rund 50 Mitarbeiter sind allein im Sammlungsdepot in Spandau beschäftigt, alle zwei Wochen schafft er es dorthin. Nicht genug Zeit für persönliche Kontakte. Aber was soll er tun?

Im Märkischen Museum gibt es einiges zu stemmen. Ende 2020 steht die Generalsanierung des Hauses an, gleichzeitig wird das benachbarte Marinehaus zum „Stadt-Labor“ ausgebaut, dort wird Vermittlungsarbeit groß geschrieben. 65 Millionen Euro fließen in diese Maßnahme „Museums- und Kreativquartier am Köllnischen Park“, Bund und Land teilen sich die Kosten. Spies arbeitet intensiv an einer zeitgemäßen Neuaufstellung des Museums, in dessen Sammlung sich über 4,5 Millionen Objekte befinden. Wie das aussehen könnte, zeigt die neue Dauerausstellung „BerlinZeit – Geschichte kompakt“, die pünktlich zum 110. Geburtstag des Museums am heutigen Sonntag eröffnet. Stadtgeschichte „to go“ in 45 bis 60 Minuten, ideal für Touristen.

Wer Vertiefung möchte, findet sie im zweiten Stock. Der rote Faden sind die radikalen Veränderungen der Stadt anhand großer historischer Daten: 1933, 1945, 1961, 1989. Spies führt uns am Schluss unseres Treffens durch das Haus, er hat mächtig entrümpelt, die Säle von der erdrückenden Objektfülle befreit, Räume freigelegt, Fenster geöffnet. Die Enge ist verschwunden, jetzt erst erkennt man die historische Substanz des Backsteingebäudes.

Anders als im Humboldt Forum wird in der neuen Schau im Märkischen Museum die Geschichte Berlins chronologisch erzählt. „Wie sieht die Zukunft Berlins aus?“, diese Frage stellt sich am Ende. Und: Berlin als City, als Kiez, als Straße. „Es geht um Weltbürgerschaft in der eigenen Umgebung.“ Wenn die Ausstellung funktioniert, wird sie in der Phase der sanierungsbedingten Schließung des Märkischen Museums ins Ephraim-Palais umziehen. Eine Stadt ohne Stadtgeschichte? Das geht gar nicht. Paul Spies spricht schnell, fast atemlos, so, als ob er gegen die Zeit ankämpft. Er hat viele Ideen, die will er unterbringen in unserem Gespräch.

Was macht er mit dem Stress bei diesem Doppeljob? Er bleibt am Uferweg Richtung Museum stehen. Er denkt kurz nach. Den Stress, erzählt er, hätte er abgeschafft. 2010 in Portugal, nach einer Konferenz. Seitdem hat Spies „den Knopf im Kopf“ umgelegt. „Wenn ich mir ständig Gedanken mache, wie das alles im Detail geht, und ob ich es überhaupt schaffe, dreht man doch durch“, sagt er. Natürlich müsse man konzentriert arbeiten, doch nicht nur strategisch. Sein Zauberwort heißt: „natural Leadership“, seine natürliche Art von Leitung. „Und so etwas macht man entspannt!“

Gute Kommunikation gehört zu seiner Idee von Leitung

Das heißt für ihn: mehr Verantwortung abgeben an die einzelnen Abteilungen, gleichzeitig Entscheidungen, Erfahrungen und Talente der einzelnen Mitarbeiter fördern. Gute Kommunikation gehört unbedingt dazu. Doch er bräuchte einfach mehr Zeit, um seine Leute zu coachen. Spies erzählt, es sei nicht einfach, Mitarbeiter auf seine Seite zu bringen, sie in ihrem Engagement zu motivieren selbstständig zu sein und zu denken. „Es ist ein langsamer Prozess“, meint er. Es gab durchaus auch Misstrauen. In Berlin sei man zwar locker im Umgang, doch hierarchischer in den Einrichtungen. „Es ist wohl auch die preußische Tradition“, meint er. In Holland gäbe es überall flache, demokratische Strukturen, wer dort wage, den „Chef zu machen, wird gleich ,ent-cheft’“, so erklärt er uns das. „Auf gleicher Augenhöhe“ mit dem Gegenüber – das ist wichtig für ihn. Spies ist jemand, der Probleme direkt benennt. Auch im Humboldt Forum war das so. Kulturstaatsministerin Monika Grütters wollte als Nachfolge von Neil MacGregor eine starke Generalintendanz, Paul Spies dagegen seine Autonomie bewahren, seine Vorstellung formulierte er genauso. Nicht allen gefiel das damals. Heute ist die Zusammenarbeit durch ein Governance-Modell geregelt, der Schlossherr Hartmut Dorgerloh im Amt. Spies ist froh darüber.

Bei allem bleibt der Holländer ein Pragmatiker, er denkt in Zielgruppen, die unterschiedlich bedient werden müssen, an besucheraffine Ausstellungsthemen, an die Partizipation im Museum. In diesen Punkten wird er sich vermutlich bestens mit Hartmut Dorgerloh verstehen, der den Kulturbetrieb im künftigen Schloss organisiert. Kultur-Management kennt der Holländer von der Pike auf. Nach seinem Kunstgeschichtsstudium gründete er 1987 zusammen mit zwei Kollegen D’arts, eine Agentur, die Museen und Unternehmen beriet. Seine Arbeit umfasste die Konzeption von Ausstellungen, Magazinen und Werbekampagnen. Klar, heute steht ein Museum vor anderen Herausforderungen, diese anzunehmen und Lösungen zu finden, darin sieht er seine Aufgabe.

Seit Spies da ist, befindet sich das Berliner Stadtmuseum mit starken Ausstellungen wie „Schloss.Stadt.Berlin.“, „Berlin 1937“ und derzeit „Die Schönheit der großen Stadt“ im Wandel. Die „Revolution in Berlin“ wird er im November eröffnen. Spies’ Arbeit ist in etwa so wie die eines guten Kostümbildners: für den jeweiligen Charakter das richtige Kleid finden, egal ob mit Busen oder wenig. Hauptsache es sitzt.

Einen Flop allerdings gab es: Der „Hauptstadtfußball“ zum 100. Geburtstag von Hertha BSC im Ephraim-Palais funktionierte partout nicht. Zu wenig Zuschauer. Die Idee war gut, doch Spies weiß jetzt: Fußballfans zieht es auf den Platz, nicht ins Museum, der klassische Museumsbesucher interessiert sich nicht für das runde Leder.

Spies achtet bei seinem Arbeitspensum darauf, dass seine Kinder ihre Zeit bekommen. Er will für seine Familie da sein, und ja, die eigene Gesundheit hat er auch im Blick. „Wenn ich krank bin, hat keiner etwas von mir!“ So oft es geht, ist er abends zu Hause, am Wochenende ist er „voll da“, auch, wenn eins der Kinder Hockey spielt. Seine Tochter sei hier „total happy“, sie findet es in Berlin spannender, hat mehr Freunde als in Amsterdam. Beide gehen auf eine Internationale Schule in Mitte, jonglieren nun mit drei Sprachen: holländisch, englisch, deutsch.

„Schauen Sie“, Spies zeigt uns mehrere Fotos auf seinem Smartphone, zwei fröhliche Kids bei interaktiven Fotoaufnahmen im Märkischen Museum. „Gemeinsam haben sie die Umstellung nach dem Umzug bewältigt“, meint er. Handy in die Hosentasche, die Zeit drängt, der nächste Termin wartet. Aber halt, er muss erst noch sein Fahrrad holen.

Tag der offenen Tür Zum 110. Geburtstag des historischen Gebäudes am Köllnischen Park lädt das Märkische Museum am 10. Juni, ab 10 Uhr, zum Tag der offenen Tür. Eröffnet wird die neue Dauerausstellung „BerlinZeit“ zur Geschichte der Stadt. Von 14 Uhr bis 22 Uhr gibt es ein Museumsfest.