Kultur

Die geheimnisvolle Großmutter

Marina B. Neuberts „Kaddisch für Babuschka“ ist ein wunderbar melancholischer Familienroman, der in die Vergangenheit nach Lemberg führt

Es kommt ein Fremder in die Stadt oder aber jemanden zieht es hinaus in die Fremde. In beiden literarischen Urformen bleibt etwas Unausgesprochenes zurück, das schließlich als Thema hervorbricht. In Marina B. Neuberts Roman „Kaddisch für Babuschka“ hat es die Ich-Erzählerin vor langer Zeit nach Berlin verschlagen, wo sie gerade an ihrem Roman „Mutterstadt“ arbeitet. In ihrer Geschichte reist die Hauptfigur Hannah zurück nach Lemberg zu ihrer lange tot geglaubten, von der Familie totgeschwiegenen Großmutter.

Aber in der Lebenswirklichkeit kommt es anders: Im Prolog zum „Kaddisch“-Roman beschreibt die Schriftstellerin, wie sie morgens nach einem Traum erwacht, in dem es um Lemberg, ihrer Geburtsstadt, und den alten Seidenschal ihrer Großmutter geht. Dann klingelt das Telefon, der Vater teilt ihr mit, dass die Großmutter gerade verstorben sei.

Von nun an rennt die Zeit, der Seelenreiseroman spielt in nur vier Tagen und gibt sich äußerlich touristisch pragmatisch. Die Autorin will von Berlin aus in die westukrainische Stadt und weiter in ein Bergdorf in die Karpaten zur Beerdigung reisen. Die rechtzeitige Ankunft ist ihr aber unmöglich, denn die Verstorbene muss sofort unter die Erde. „So ist es bei den Juden“, sagt ihr Vater in seiner knappen Art. Im Roman werden Bestattungsrituale, Totengebete, das untergegangene Lemberger Judentum und die in den Unterarm der Großmutter eintätowierte Häftlingsnummer beschrieben, aber es geht in der Geschichte um weit mehr, nämlich um das, was die Nachlebenden nicht aussprechen können. Denn Glück und gesellschaftlicher Ruhm werden in jeder Familie vollmundig weiter gereicht, Tragödien, Marotten und Traumata hingegen werden meist verschwiegen. „Kaddisch für Babuschka“ ist ein großartiger Familienroman, der gekonnt zwei Erzählstränge miteinander verschränkt, die sich stilistisch deutlich voneinander abgrenzen. Genau genommen sind es zwei Romane in einem, die im Wechselspiel von Sehnsucht und Rückblick zueinander stehen. In den literarisch gehaltenen Passagen aus „Mutterstadt“ begegnet die Schriftstellerin ihrer Großmutter, um sie zu entdecken und zu verstehen. Im vermeintlichen Reiseroman hingegen ist die Babuschka bereits tot und wird nur durch die liebevollen Erinnerungen der in die Fremde gezogenen Enkelin lebendig.

Die in den beiden Erzählsträngen aufscheinenden Großmutter-Bilder weichen in Details voneinander ab. Diese Erzählstrategie offenbart Fremdheit und Nähe. Und da gibt es auch noch die Telefonate mit der Mutter, die sich frühzeitig als Primadonna ans Moskauer Bolschoi-Theater in den Erfolg verabschiedet hat, quasi aus der Familiensituation geflüchtet ist. Die vierjährige Hannah blieb bei der Großmutter zurück – beide bekamen ein Abonnement für die Lemberger Oper. Ganz am Ende des Romans scheinen sich Mutter und Tochter Hannah wieder einander anzunähern.

Marina B. Neubert, so ist ihrer Biografie zu entnehmen, wurde in Lemberg geboren. Sie ist in Moskau aufgewachsen und Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland gekommen. Sie lebt als Schriftstellerin und Hochschuldozentin in Berlin. Man kann also davon ausgehen, dass ihr Debütroman etwas Autobiografisches enthält. Bereits 2015 ist ihr Jugendroman „Bella und das Mädchen aus dem Schtetl“ im Ariella-Verlag erschienen.

Bei aller Melancholie im Grundton ist „Kaddisch für Babuschka“ ein Roman voller Lebenssuche und nicht ohne jüdischen Witz und Finesse. Am vierten Tag der Reise stellt sich plötzlich heraus, dass der Totenschein ungültig ist. Der Notarzt hatte ihn provisorisch unterschrieben, und die Großmutter wurde eben nach jüdischer Tradition umgehend beerdigt. Jetzt verweigert aber der Oberarzt der Poliklinik seine Unterschrift, weil er die Tote ja nicht mehr gesehen hat. Er kann sie nicht für tot erklären. Die Mischpoke gerät in Rage, und es geht hin und her zwischen Polizei, Klinik und Bürgermeisterei. Das Problem kann schließlich mit 350 Dollar gelöst werden. Manchmal funktioniert das Leben schon einfach.

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