Mercedes-Benz Arena

Roger Waters mit großer Show und heftiger Israel-Kritik

Roger Waters lässt noch einmal die sphärischen Songs von Pink Floyd aufleben und versteigt sich dann zu einer politischen Wutrede.

Roger Waters gab sich in Berlin wieder als dezidiert politischer Musiker, verteidigte aber auch wieder die umstrittenen Aktionen der anti-israelischen Bewegung BDS

Roger Waters gab sich in Berlin wieder als dezidiert politischer Musiker, verteidigte aber auch wieder die umstrittenen Aktionen der anti-israelischen Bewegung BDS

Foto: Hans Klaus Techt / dpa

Berlin. Es wird ein zweigespaltener, für viele Zuschauer deshalb letztlich zwiespältiger Abend in der Mercedes-Benz Arena: Einerseits ist da die Musik, andererseits die Politik. Während die Zuschauer noch ihre Plätze einnehmen, zeigt die gigantische Bühnenleinwand eine einsame Frau, die aufs Meer blickt. Möwengekreisch setzt ein, Meeresrauschen, ein Schiffshorn in der Ferne. Es könnte so idyllisch sein. Doch dann wird der Himmel plötzlich blutrot und zerreißt. Zeitgleich entert Roger Waters mit seinen Musikern die Bühne, greift zum Bass und spielt „Breathe“, einen Song vom Konzeptalbum „Dark Side Of The Moon“ aus dem Jahr 1973. Ein weltweiter Megaseller, der Pink Floyd in die Liga der Superstars katapultierte

Die bekannten Songs aus den großen Alben von Pink Floyd

Die britische Rockband ist längst Geschichte, weil sich die Mitglieder nicht mehr grün sind. Leider. Doch Roger Waters, das kreative Mastermind der Band, ist nun wieder auf Tour, benannt nach dem Pink-Floyd-Song „Us + Them“. Es soll Waters Abschied von der Bühne werden. Noch ein letztes Mal spielt er nun die bekannten Songs aus den vier großen Alben von Pink Floyd. Neben „Dark Side Of The Moon“ gehören auch „Animals“, „Wish You Were Here“ und selbstredend „The Wall“ dazu. Für viele ist es der Soundtrack ihres Lebens. Melancholisch, sphärisch und unvergleichlich schön.

Aber natürlich stellt sich Waters nicht einfach so mit seinem Fender Precision E-Bass hin und gibt ein Potpourri zum Besten. Schließlich ist der Perfektionist bekannt für seine bombastischen Bühnenshows. Und so erwartet die rund 11.500 Zuschauer im ersten der beiden Berliner Konzerte in der fast ausverkauften Mercedes-Benz Arena ein bildstarkes, musikalisch überwältigendes Gesamtkunstwerk.

In der Saalmitte sind dafür Computer-Terminals aufgebaut. Bedient von mehr IT-Personal als Musiker auf der Bühne stehen. Auf zunächst einem Screen kommentieren Bilder von Fabriken, angedeuteten Folterszenen, aber auch vom Sternen-Kosmos die gesellschaftskritischen, teils ironischen Songs. „Welcome To The Machine“ etwa. Ein, wieder mal, blutrotes Meer umbrandet die Maschinen, die von den Menschen wie Götzen angebetet werden. Plakativ? Ja! Aber auch äußerst prägnant.

Vor allem im zweiten Teil wird alles an HighTech aufgefahren, was in einer Show geht: Acht LED-Leinwände teilen die Halle längs. Darauf stehen vier rauchende Schlote, zwischen denen ein Schwein fliegt. Später, bei dem Song „Pigs“, umrundet dann noch ein schwebendes Riesenschwein die Arena. Viele erinnern sich daran, dass vor fünf Jahren ein Davidstern beim Konzert im Olympiastadion auf dem Tier prangte, was zu Proteststürmen vor allem von jüdischen Organisationen führte. Im November 2017 beendete der WDR die Zusammenarbeit mit Roger Waters und zog sich aus der Kooperation seiner Kölner Touretappe zurück. an diesem Abend in Berlin prangt nun kein Davidsstern auf dem Schwein. Ein artiges „Stay Human - Bleibt menschlich“ hat Waters darauf schreiben lassen

Er münzt „Pigs“ unverhohlen um auf einen weiteren seiner Lieblingsfeinde: Donald Trump. Waters zeigt dem US-Präsidenten nicht nur musikalisch, sondern auch ganz bildlich den Stinkefinger. Das Publikum bejubelt die Message, nimmt indes eine zweite kalkulierte Provokation eher zögern auf: In der Pause stehen Slogans auf der Bühnenleinwand. Darin wird Israel die Diskriminierung der Palästinenser vorgeworfen. In Blutrot, wie sonst?

Laser-Pyramide wie auf „Dark Side Of The Moon“

Am Ende des Konzerts hält Waters dann noch eine zorneskalte Rede, in der er Felix Klein, den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, angeht. Der solle den BDS nicht mehr kriminalisieren. Eine Organisation, die zum kulturellen und wirtschaftlichen Boykott Israels aufruft. BDS steht schließlich für Boykott, Desinvestition und Sanktionen. Mehr noch: Der BDS setzt nicht nur Künstler und Firmen massiv unter Druck, nicht mehr in Israel aufzutreten. Bei einer Veranstaltung in der Humboldt-Universität hatten im Juni vergangenen Jahres Mitglieder der Anti-Israel-Hetzer sogar eine Holocaust-Überlebende niedergebrüllt. Völlig zu Recht sieht Felix Klein beim BDS deutliche antisemitische Strömungen.

Mit seinem verwirrten, nicht nachvollziehbaren Alterszorn desavouiert der 74-Jährige seit geraumer Zeit sein künstlerisches Vermächtnis, das früher als kluge Zivilisationskritik angesehen wurde, gegossen in einen zeitlosen, rocksinfonischen Soundtrack. Dafür sind die Zuschauer gekommen. Nicht für seine hasserfüllten Thesen bedenklicher Provenienz.

Wenn man das überhaupt trennen kann: Die große Show bleibt lange in Erinnerung. Ein Multimedia-Spektakel mit hervorragendem, transparentem Surround-Sound, einer Laser-Pyramide wie auf den Cover von „Dark Side Of The Moon“ und den großen Songs. „Money“ oder „Wish You Were Here“ etwa, das aus mehreren tausend Zuschauerkehlen erschallt. Und natürlich „Another Brick In The Wall“, gesungen von Berliner Jugendlichen. Ganz großes Kino. Zum Schluss wird es dann zumindest unter den Zuschauern doch noch versöhnlich. Zu „Comfortably Numb“ finden Hände zueinander und die einsame Frau vom Anfang sitzt nun nicht mehr allein am Strand.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.