Kultur

Lust am Widerspruch

Udo Samel gibt einen Brecht-Abend. Weil er das Vertrauen in die Menschen verliert

Mit Heinrich Heine ist er gereist und mit Schubert, mit Edgar Allen Poe und mit Hölderlin. Und nun also mit Bertolt Brecht. Das war sein Wunsch und vielleicht mehr noch eine echte, wirkliche Herzensangelegenheit. Denn das erste Mal hat Schauspieler Udo Samel Brechts Lyrik vor 30 Jahren vorgetragen. Und die Passion für den Berliner Autor ist seither ungebrochen. Deswegen reist er mit dessen Worten im Gepäck auf die Bühne. In Zürich war er schon, am morgigen Sonnabend wird er auch im Renaissance-Theater Brechts Gedichte und Balladen vortragen. „Brecht ist eine Waffe, die nicht tötet, seine Sprache ist eine Waffe“, sagt er und fügt an: „Er versucht, Gedanken freizusetzen.“

Zumindest geht ihm das so. Brecht setzt da etwas in ihm frei. Das merkt man, wenn Samel über den Schriftsteller spricht. Über dessen Aktualität, über den Pazifismus, über seine Beobachtungsgabe. Und deswegen hat er auch auf diesen Abend mit Brecht bestanden, auch wenn er eigentlich einen mit Goethe und Schiller konzipieren sollte. „Ich mache nichts, was mir keinen Spaß macht. Ich habe in meinem Leben oft genug ,Nein‘ gesagt“, sagt Samel. „Nein“ hat er auch dazu gesagt, sich von uns vor dem Gespräch fotografieren zu lassen. Für die Kamera posieren, sich verstellen, ja schauspielern, das will er nicht. Zumindest nicht ohne Bühne, zumindest nicht ohne Rolle. Das Foto soll während des Sprechens entstehen, ganz natürlich. Koketterie ist eben nichts für ihn. Vielleicht, weil er die nicht nötig hat. Vielleicht, weil er Anpassung nicht mag, aber dafür den Widerspruch.

Wer Samel kennt und dessen Theaterkarriere, wer ihn als Mephisto gesehen hat, als Woyzeck, Sosias oder König Lear, der weiß, Samel hat in seinem Leben nicht bloß gern „Nein“ gesagt. An den richtigen Stellen hat er sich für „Ja“ entschieden. Fast 20 Jahre hat der heute 64-Jährige an der Berliner Schaubühne gespielt, unter Theatergrößen wie Peter Stein und Luc Bondy, zehn weitere hat er auf der Bühne des Burgtheaters in Wien verbracht. Dazwischen: Opern, Regie, „Tatort“, Blockbuster, Kinofilme, zuletzt hat man ihn in der TV-Serie „Babylon Berlin“ als „Buddha vom Alexanderplatz“ sehen können.

Der Schauspieler will den Beton aufbröseln

„Ich hab mich um den Erfolg nie gekümmert“, sagt er – obwohl er ziemlich viel davon gehabt hat. Da hat er in seinem Notizheft ein passendes Zitat mitgebracht. Erfolg könne nie das Ziel sein, liest er, nur eine Folgeerscheinung. Und so sei das ja bei ihm auch, überlegt er laut. Er hat sich nie darum geschert, aber dafür umso mehr um die Arbeit an sich. „Ich bestehe aus nichts als Arbeit“, hat er sogar mal gesagt, einige Jahre ist das mittlerweile her. Aber das trifft immer noch zu. Bloß ist das für Samel eben kein Joch. Ganz im Gegenteil, Arbeit, sein Job auf der Bühne oder vor der Kamera, der ist ein Vergnügen für ihn. „Ich liebe es, Menschen zu bewegen“, sagt er, „wenn ich ein bisschen von dem Beton, den sie um sich gebaut haben, aufbröseln kann.“

Aufzubröseln gibt es gerade so einigen Beton. Mehr noch als vor ein paar Jahren. Populismus, Rechtsruck, Eurokrise, Flüchtlingsdebatte. Samel schüttelt da den Kopf und schaut zu Boden. „Der Mensch stellt sich mir gerade so gemein dar“, sagt er, „ich komme in zunehmenden Alter immer mehr an die Grenze, dass ich an den Menschen nicht mehr glauben will. Weil ich es nicht mehr kann.“ Vielleicht hat er deshalb unbedingt diesen Abend mit Brecht veranstalten wollen. Weil es in seinen Texten noch so einiges gibt, was er verteidigen kann. „Brecht hat immer den Diskurs geliebt und hat die Aufklärung und den Widerspruch gesucht. Sein Grundgebaren war: Fragen stellen.“ Das ist ihm nahe. Brecht ist gestorben, als Samel drei Jahre alt war. Dessen Texte und Stücke hat er in den 1960er-Jahren kennengelernt, als er begann, sich für Politik zu interessieren. Vielleicht lassen sie ihn deshalb auch nie los. Weil er sich selbst darin wiedererkennt, sein jüngeres Ich.

Dabei wollte er eigentlich gar kein Schauspieler werden. Sondern Dirigent. Dafür hat Samel auch ziemlich hart gearbeitet, hat Klavierunterricht genommen, Fagott gelernt, die Stimme trainiert. Am Ende hat es doch nicht gereicht. „Aber ich habe keinen Grund, traurig zu sein, dass ich kein Dirigent geworden bin. Ich habe alles Mögliche versucht. Und bin beim Schauspielen hängengeblieben. Da kann am wenigsten schiefgehen.“ Jeder, der schon mal in einer schlechten Theaterinszenierung gelitten hat, weiß, dass das nicht stimmt. Gerade auf der Bühne kann so einiges schiefgehen. Aber nicht, wenn man es kann. Wie Samel.

Vielleicht ist da doch ein bisschen Koketterie, wenn er über seinen Beruf spricht. Dass es eigentlich keine Fehler auf der Bühne gebe, dass dort oben auch das Falsche richtig sei. Und dennoch, gerade bei diesem Brecht-Abend, wenn man allein auf der Bühne steht, da müssen doch die Verse sitzen. Da ist kein Platz für Improvisation. Erst recht nicht, wenn man – wie Samel – findet, dass man sich kaum besser ausdrücken könne als Brecht, dass man hinter seiner Lyrik zurücktreten müsse. Ja, sagt er da, kurz vor dem Auftritt, da ist diese Sorge um die Texte und um sich selbst. Aber nur kurz. Lampenfieber hatte er noch nie.

Dass er seit einigen Jahren keinem Ensemble mehr angehört, dass gefällt ihm. „Mir ist das institutionelle Im-Ensemble-Sein fremd geworden. Ich möchte selber entscheiden, wie lange ein Vertrag dauert, wann und wie und wo ich mich einbringen will.“ So wie mit diesem Brecht-Abend etwa. Oder an der Schaubühne. Dort, bekennt er, würde er gern noch einmal spielen.

Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100. Tel.: 312 42 02. Sonnabend, 20 Uhr.