Igor Levit ist ein Pianist, den das Großformatige reizt. Bereits bei seinem CD-Debüt 2013 war das klar zu erkennen: Beethovens fünf späte Klaviersonaten spielte der damals 25-Jährige da auf einen Streich ein, fünf Gipfelwerke von Virtuosität und Tiefgründigkeit – Levit stilisierte sich damit ohne falsche Bescheidenheit zum Frühvollendeten. Passenderweise brachte er in der vergangenen Konzertsaison unter anderem Bachs „Goldberg“-Variationen und Beethovens „Diabelli“-Variationen nach Berlin, zwei weitere XL-Ausnahmewerke der Klavierliteratur. Sein aktuelles Großprojekt: Mendelssohns Klavierkonzerte op. 40 und op. 25 hintereinander im Großen Saal des Konzerthauses. Natürlich fragt man sich: Warum spielt Levit ausgerechnet diese beiden Konzerte von Mendelssohn, über die so viele andere Pianisten die Nase rümpfen? Möchte er beweisen, dass Mendelssohns Klavierkonzerte keineswegs so oberflächlich virtuos sind, wie vielfach behauptet? Wenn ja, dann gelingt ihm das nur halb. Denn in den schnellen Außensätzen präsentiert sich Levit vor allem luftig elegant und im weichen Mezzoforte – ohne große Kontraste, ohne Widerhaken.
Es ist ein Schönklang, der angenehm mühelos dahingleitet, aber zuweilen auch ermüdet. Ein Schönklang, der vom Orchester übrigens nicht im Geringsten geteilt wird. Denn die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Konzertmeister Florian Donderer setzt auf knackige Bläser und sehnige Streicher, auf knurrige Dramatik und fauchende Virtuosität. Es ist die raue Ästhetik eines historischen Ensembles, imitiert auf modernen Instrumenten. Für sich genommen zwar ziemlich überzeugend, doch unvereinbar mit Igor Levits Bedürfnis nach feinem Schönklang. Und so kommt es, dass die besten Mendelssohn-Momente diejenigen sind, die Levit ohne Orchester gestaltet. Zum Beispiel im langsamen Satz des d-Moll-Konzerts Nr. 2, ein Adagio, das Levit in ein betörend intimes Lied ohne Worte verwandelt.
Vielleicht ist es ja wirklich so: Dass Levit ohne Orchester ein noch besserer Pianist ist – weil er sich freier entfalten kann, weil seine zarten Piano- und Pianissimo-Klangfarben ungehinderter zur Geltung kommen. Levits Zugabe jedenfalls scheint das zu bestätigen: Schuberts „Moment Musical“ D 780 Nr. 6 fließt dem deutsch-russischen Pianisten bewundernswert filigran aus den Fingern.
Die Kammerphilharmonie Bremen steuert noch zwei weitere Werke von Schubert bei, die phasenweise allerdings eher nach Rossini und Mozart klingen: die Ouvertüre „im italienischen Stil“ D 591, dann die 5. Sinfonie D 485. Zwei Werke, bei denen die Musiker eine beachtliche gestalterische Bandbreite zeigen – von kernig bis samtig, von straff bis leichtfüßig, von zackig-brillant bis herzerwärmend.
Felix Stephan

