Kultur

Die Diva auf einem neuen Höhepunkt

Wozu eine Inszenierung? Diana Darmau überzeugt auch in einer konzertanten „Maria Stuarda“

Als Star-Sopranistin Diana Damrau die Bühne der Deutschen Oper betritt, bedeutet dies den Übergang in eine andere musikalische Dimension. Nicht, dass im ersten Akt von Gaetano Donizettis Oper „Maria Stuarda“ zuvor sängerische Mittelklasse zu hören gewesen wäre, im Gegenteil. Für seine konzertante Darbietung der großen Belcanto-Oper nach Schillers Drama „Maria Stuart“ bietet das Haus erste Kräfte seines Ensembles auf. Sowie ein bestens vorbereitetes Orchester, das in konzertanter Anordnung auf der Bühne sitzt. Unter Leitung von Francesco Ivan Ciampa ist hier keine Hummtata-Standard-Begleitung zu hören.

Vielmehr wird dem zuweilen fein ziselierten Gesang dieser Belcanto-Epoche durch den engagierten und leidenschaftlichen Einsatz der Streicher wie auch die Zwischenkommentare der Bläser ein wichtiger Rahmen gegeben – nur die akustische Begleitung durch einen fast defekten Scheinwerfer stört den Genuss zuweilen. Doch vor dem klanglichen Hintergrund des Orchesters und des ebenfalls formidablen Chors (Einstudierung: Jeremy Bines) spielt sich schon lange vor dem Auftritt der Titelfigur ein Drama ab, dessen packende Augenblicke rein aus dem Musikalischen geschlagen werden.

Oder ist es wirklich so wichtig, wie giftig die großartige Mezzosopranistin Jana Kuruková in der Rolle der machtbewussten Königin Elisabetta dreinblickt? Nein, es ist die kalte Stimmfarbe des Ensemblemitglieds, die den Vernichtungswillen dieser Frau gegenüber der gefangenen schottischen Königin Maria Stuarda ausdrückt. Bei Tenor Javier Camarena in der Rolle des leidenschaftlichen Grafen Leicester möchte man indes anfangs hoffen, dass die kühle Färbung seiner Spitzentöne bei größter Lautstärke einer wärmeren Tönung weicht. Und so ist es: Als Schwankender zwischen der Sphäre der Macht (dem Gehorsam gegenüber seiner Königin) und der Sphäre der Liebe (seine Neigung zur Gefangenen) beeindruckt Camarena nach dieser Anfangsnervosität namentlich im zweiten Teil mit Piani in heiklen Lagen, mit weit greifendem Legato und bester Tonqualität.

Die Glanzleistungen dieser beiden Hauptfiguren in Hinblick auf darstellerische Kraft ohne Kostüm und in Hinblick auf sängerische Schönheit werden ergänzt von den auf höchstem Niveau singenden Vertreter der Nebenrollen: Durchschlagskräftig und doch tonfarblich flexibel singen Nicolas Testé in der Rolle des Maria ergebenen Georg Talbot sowie Dong-Hwan Lee als Talbots Gegenspieler Cecil. Präsent und doch weich im Ton singt Amira Elmadfa als Marias Leibdame Anna.

Diana Damrau ist schon mit ihrer theatralen Präsenz auf einer eigentlich konzertant eingerichteten Bühne eine Kategorie für sich. Singulär allerdings ist ihre quasi dreidimensionale Art, feinste Verzierungen in dieser Blüte des Belcanto nach Haupt- und Nebennoten in der Lautstärke abzuheben, unter Einsatz ihres ganzen singenden Körpers als Instrument – und doch auch die großen theatralen Effekte im stimmlichen Zweikampf mit Kontrahentin Elisabetta anzuwenden. Kein Zweifel: Die 48-Jährige erlebt man hier auf einem neuen Höhepunkt ihres Könnens.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, 10627 Berlin,
noch einmal heute um 19:30 Uhr.

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