Rattles letzter Monat als Chefdirigent der Philharmoniker? Es ist ein Monat, der einer feierlichen Schlussoffensive gleicht: sieben Rattle-Auftritte im Großen Saal mit vier unterschiedlichen Programmen, dazu eine letzte Konzertreise, die das Orchester zunächst nach London, Wien und Amsterdam führt, dann nach Köln, Madrid und Barcelona.

    Und diese letzte Konzertreise wiederum erinnert an das, was Sir Simon Rattle in 16 Berliner Jahren besonders wichtig war: die Neugier des Orchesters auf Unbekanntes zu wecken, den intensiven Kontakt zu zeitgenössischen Komponisten zu pflegen. Möglichst viel 20. Jahrhundert auszuprobieren. Und nicht zuletzt: die Klassiker der Orchesterliteratur neu unter die Lupe nehmen, Traditionen kritisch zu hinterfragen – und dabei auch Erkenntnisse der modernen Musikwissenschaft einzubeziehen.

    Extremstes Beispiel in dieser Hinsicht ist wohl Bruckners Neunte Sinfonie, ein unvollendetes Werk, das Rattle vor sechs Jahren mit den Philharmonikern in einer vervollständigten Fassung präsentiert hat, sowohl im Konzert als auch auf CD. Und zwar auf Basis eines vierköpfigen Musikwissenschaftler-Teams, das Bruckners Finale in jahrelanger Detektivarbeit rekonstruiert und ergänzt hat. Normalerweise wird Bruckners Neunte ohne diesen letzten Satz gespielt, und das hat sich auch nach Rattles Pionierarbeit nicht geändert. Dabei ist dieses Finale nicht nur für Musikwissenschaftler sondern auch für Bruckner-Liebhaber durchaus interessant: Verblüffend, wie viel originaler Bruckner hier zusammengetragen werden konnte. Eine Garantie dafür, dass Bruckner dies wirklich so oder ähnlich veröffentlicht hätte, gibt es aber natürlich nicht. Zumal dieses Finale formal um einiges schwächer wirkt als die übrigen drei Sätze und innerlich viel zerrissener.

    Daran ändert auch nicht, dass Rattle und die Philharmoniker gerade dieses Finale nun besonders intensiv vorbereitet haben, wie am Sonnabend in der Philharmonie zu hören ist. Viel intensiver als die drei Sätze zuvor – was in diesem Fall sogar von Vorteil ist. Denn Rattles Interpretation an diesem Abend kurz vor Tournee-Start geht vom Bruckner-Finale aus und gleicht die anderen Sätze ästhetisch an. Rattle betont generell das Vorläufige, Experimentelle der Partitur. Er bietet einen Bruckner aus der Sicht des 20. und 21. Jahrhunderts, fordert raue Expressivität und analytische Schärfe. Ein Ansatz, den er übrigens auch schon bei der Uraufführung von Hans Abrahamsens „Three Pieces for Orchestra“ zuvor verfolgt – ein faszinierendes neues Musik-Appetithäppchen, mal zackig-virtuos, mal minimalistisch gleißend, mal depressiv dahinkriechend.