Er seziert die Irrungen und Wirrungen des menschlichen Daseins. Ängste und Wahnsinn, Einsamkeit und die Vergänglichkeit irdischen Lebens modelliert der britische Sänger und Songschreiber Peter Hammill zu meist düsteren, dennoch anregenden und mitunter sperrigen Kompositionen, denen man sich als Zuhörer aussetzen muss, dann aber schnell ihrem popfernen Charme erliegt. Mehr als drei Dutzend Soloalben hat der Mann aus Middlesex veröffentlicht. Und war seit 1969 zudem Frontmann der richtungweisenden Progrock-Band Van der Graaf Generator.
Breitenwirkung ist seine Sache nicht. Doch seit Jahrzehnten hat Peter Hammill weltweit eine so kleine wie ungeheuer treue Fangemeinde, die seine große Kunst zu schätzen weiß. Beim ersten von zwei ausverkauften Berlin-Konzerten am Sonnabend im Quasimodo erscheint er unspektakulär ganz in Weiß, setzt sich an den Flügel und eröffnet sein Gastspiel mit „The Siren Song“, den er 1977 mit Van der Graaf Generator aufgenommen hat. Peter Hammill, eine Legende. Ein großer, hagerer, älterer Herr, der im November 70 Jahre alt wird und sich auch nach bald 50 Jahren immer noch ruhelos auf Tourneen durch Klubs und Theater begibt.
Hammill macht den Abend zu etwas Besonderem
Mit kraftvollem Anschlag und einer kräftigen, zwischen Tenor, Falsett und grollendem Schreien wechselnden Stimme macht er jeden Abend zu etwas Besonderem. Denn kein Konzert gleicht dem anderen. Es gibt kein festgefügtes Programm, für jeden Auftritt stellt er seine Songs neu zusammen. In Berlin spielt er die wunderschöne Ballade „Just Good Friends“ von seinem 1983 erschienenen Album „Patience“ als zweites Stück, ein wehmütiges Liebeslied, das im Refrain „Oh, how long can we pretend That we‘re just good friends?“ mündet.
Der einstige Jesuitenschüler hatte schon mit Van der Graaf Generator Musikgeschichte geschrieben, einer Band, in der Orgel, Bass, Schlagzeug und Saxofon den Ton angaben. Die streng arrangierte Mischung aus Rock, Klassik und Free-Jazz-Elementen sorgte mit dem exzentrischen Sänger und teils suitenhaft angelegten Kompositionen für Staunen und Aufsehen. Bereits 1971 begann Hammill parallel eine Solokarriere und lotete in seinen ausgefeilten Texten die Abgründe der menschlichen Seele aus.
Inzwischen ist bei ihm eine gewisse Altersweisheit auszumachen, wie auf seinem aktuellen Album „From The Trees“ hörbar wird. „Topor“ ist das einzige neue Stück, das er davon spielt. Da ist er bereits vom Flügel an die akustische Gitarre gewechselt, spielt Klassiker wie „Second Hand“ von 1978 oder „Happy Hour“ von 1982, jenen tragischen Trinker-Song, in dem es heißt: „Falling, falling – don‘t give me that look!“ Gerade zu rührend – ja, sogar ein bisschen poppig – kommt „Once You Called Me“ von 2002 daher, das Lied eines Vaters an seine erwachsen werdende Tochter.
Es ist faszinierend, was für eine Energie dieser Mann versprüht, welche Inbrunst er in seine Konstrukte legt. Kunstlieder, angetrieben von der Kraft des Rock, mit immer neuen Takt- und Tempowechseln, mit klug durchdachten Zeilen, mit Geschichten von Menschen, die durch die Hölle gehen und doch die Hoffnung nie aufgeben. Gegen Ende wechselt Hammill wieder zurück an den Flügel. Die Bernini-Skulptur „Die Verzückung der heiligen Theresa“ inspirierte ihn 1974 zu „The Lie (Bernini’s Saint Theresa)“.
Zum Finale gibt es mit „Still Life“ noch einmal ein Van der Graaf Generator-Stück. „Es war ein herausfordernes Set für mich“, sagt Peter Hammill am Ende. Und setzt mit einem Lächeln hinterher: „Ich hoffe, das war es auch für euch.“ Der dankbare Applaus ist Antwort genug. Als Zugabe legt der ansonsten zwischen den Songs eher wortkarge Sänger mit „House With No Door“ noch einen Van der Graaf Generator-Klassiker von 1970 nach. Und entlässt ein glückliches Publikum in die Berliner Nacht.


