Kultur

Retro-Trend im Opernbetrieb

Mit zwei Inszenierungen erinnert die Staatsoper an Ruth Berghaus. Es sind Klassiker im Repertoire

Mit den wildesten Regisseuren haben Opernhäuser jahrzehntelang alles versucht, um bloß nicht als Museum zu gelten. Aber die Zeiten des immer Modernseins sind vorbei, längst lässt sich ein Retrotrend im Opernbetrieb feststellen. Beliebte Longseller haben sich in den Repertoires angesammelt. Die Staatsoper erinnert mit zwei Wiederaufnahmen an die Berliner Regisseurin Ruth Berghaus (1927–1996). Ihre „Barbier von Sevilla“-Inszenierung steht seit Herbst 1968 auf dem Spielplan und ist damit die älteste im Repertoire. Am Donnerstag fand die 369. Aufführung statt. Berghaus’ letzte Inszenierung an der Staatsoper hatte 1991 Premiere. Claude Debussys Oper „Pelléas et Mélisande“ erlebt am heutigen Sonntag ihre Rückkehr. Daniel Barenboim steht am Pult, Rolando Villazón und Marianne Crebassa geben ihre Rollendebüts in den Titelrollen.

Oberspielleiterin ist die Stückebewahrerin

„Bei ,Pelléas und Mélisande‘ sind zehn Jahre seit den letzten Aufführungen vergangen“, sagt Intendant Matthias Schulz: „Das Stück wird zum Debussy-Jubiläum ins Repertoire zurückgeholt, und die Wiederaufführung am Sonntag ist wie eine Feierstunde.“ Der neue Intendant erklärt die besondere Situation, weil die Staatsoper erst im zehnten Monat nach der Wiedereröffnung sei. „Deshalb schauen wir schon sehr genau hin, welches Stück wir wieder aufnehmen, denn alles muss für das Haus neu adaptiert werden“, sagt Schulz. „Die beiden Ruth-Berghaus-Inszenierungen sind eine Legende. Sie sind zeitlos gut.“ Und sollen im Repertoire bleiben.

Für die Wiederbelebungen der Inszenierungen ist Oberspielleiterin Katharina Lang zuständig. Sie war Meisterschülerin von Berghaus an der Akademie der Künste und ist heute so etwas wie die Stückebewahrerin. Als die Opéra de Lyon im vergangenen Jahr bei einem vielbeachteten Retrofestival drei legendäre Inszenierungen aus Dresden, Bayreuth und Aix-en-Provence wiederbelebte, war sie für Berghaus’ Dresdner Sprungturm-„Elektra“ aus den 80er-Jahren zuständig.

„Man kann alte Inszenierungen zu 100 Prozent bewahren“, sagt Katharina Lang. Die Sänger müssen sich darauf einlassen. Natürlich wäre es schöner, wenn Frau Berghaus noch da wäre, aber es sei ihr Beruf, fast alles im Kopf zu haben. „Wenn ich bei den Proben jemandem gestattete, etwas abzuweichen, dann weiß ich, was noch Berghaus ist und was nicht. Weil ich weiß, wann sie Nein gesagt hatte.“ Heute sei vieles einfacher, „weil alles auf Bild aufgezeichnet wird. Die nächste Generation kann sich akribisch daran halten.“

Ruth Berghaus war eine strenge, kühle Regisseurin, die ihr Publikum regelmäßig verstören konnte. Buhstürme gehörten zu ihrer Karriere. Geboren in Dresden, studierte sie Ausdruckstanz und Tanzregie bei Gret Palucca. Sie wurde Meisterschülerin von Wolfgang Langhoff. Im Berliner Kreis um Bert Brecht und Komische-Oper-Gründer Walter Felsenstein war sie künstlerisch groß geworden. Sie heiratete den deutlich älteren Komponisten Paul Dessau und betreute auch seine Werke. Sie war ein Ost-Berliner Promi.

„Ich halte Ruth Berghaus für eine der größten Künstlerinnen, denen ich begegnet bin“, sagt Katharina Lang. „Ihre Größe erkennt man auch daran, wie modern ihre Arbeiten heute noch sind.“ Jeder Zuschauer im Saal wisse, dass auf der Bühne gesungen wird. Dazu müsse man sich bekennen, erklärt die Oberspielleiterin das Prinzip Berghaus. „Mit den Worten wird eine Geschichte erzählt, aber dahinter gibt es vieles, was die Figuren nicht aussprechen. Das macht die Musik. Berghaus sagte, die Musik muss eine Entsprechung in der Körpersprache der Sänger finden.“ Hinzu komme, dass der Hornist im Orchester in der Gegenwart spielt, während oben auf der Bühne Stücke aufgeführt werden, deren Handlungen meist lange zurückliegen. „Das Faszinosum der Oper, sagte Berghaus, ist, dass sich alle Zeitebenen aufheben.“ Alles passiert gleichzeitig miteinander. „Sicherlich hat sie vieles auch ihrer Tanzerfahrung entnommen“, sagt Katharina Lang: „Aber sie hat niemals ihre Opern choreografiert.“

Der Retrokult kommt nicht von ungefähr. Für wie viel Missmut beim Publikum sorgte 1992 die Absetzung der letzten Felsenstein-Inszenierung an der Komischen Oper. Jacques Offenbachs Operette „Ritter Blaubart“ brachte es auf 369 Aufführungen. An der Deutschen Oper galt Götz Friedrichs „Ring des Nibelungen“ mit dem Zeittunnel als Kultinszenierung. Der Longseller mit 50 Gesamtaufführungen wurde im vergangenen Jahr abgesetzt. Für die Staatsoper hat Intendant Matthias Schulz eine überraschende Entscheidung gefällt. In seiner ersten Saison wird es eine ästhetisch gewagte Neuinszenierung der „Zauberflöte“ von Yuval Sharon geben. Die beliebte Inszenierung August Everdings von 1994 bleibt weiterhin im Repertoire.