Sie waren Punks der ersten Stunde. Auch wenn sie immer ein wenig im Schatten von The Clash oder den Sex Pistols standen, so kommt der Londoner Band The Damned doch immerhin das Verdienst zu, mit „New Rose“ 1976 die allererste Punk-Single veröffentlicht zu haben. Und auch ihr Debütalbum „Damned, Damned, Damned“ vom Februar 1977 wird als die erste Langspielplatte einer Punkband überhaupt gehandelt.

Am Mittwochabend stehen The Damned nun mehr als 40 Jahre später im schweißtreibend ausverkauften SO36 im Rampenlicht. Es ist heiß. Es ist stickig. Alt-Fans und Jung-Punks schaben Schulter an Schulter, drängen sich dicht an dicht in der geschichtsträchtigen Konzerthalle, um einer Legende zu huldigen. 1981 traten sie erstmals hier auf und kehrten mit schöner Regelmäßigkeit wieder. Gerade ist mit „Evil Spirits“ nach zehn Jahren wieder ein neues Album erschienen.

Nach einem geradlinigen und bestens aufgenommenen Vorprogramm der Kreuzberger Lokalmatadoren Church of Confidence stimmt ein Auszug aus „Mars“, dem martialischen ersten Satz aus Gustav Holsts Orchestersuite „Die Planeten“, auf den energiegeladenen Abend ein. Und The Damned kommen schnell zur Sache. „Wait For The Blackout“ vom 1980 erschienenen „The Black Album“ steht am Anfang einer gut eineinhalb Stunden währenden Power-Show, in der die Musiker nachhaltig untermauern, dass sie längst nicht beim Punk stehen geblieben sind.

Sänger Dave Vanian und Gitarrist Captain Sensible sind noch von der Urbesetzung dabei. Der stimmstarke Vanian pflegt weiterhin einen eleganten Gothic-Chic samt schwarzer Handschuhe zum schwarzen Anzug, während der Captain mit der obligatorischen roten Baskenmütze den schrulligen Entertainer gibt und aus seiner Gitarre weit mehr herausholt als nur die sprichwörtlichen drei Akkorde. Bassist Jon Priestley, Keyboarder Monty Oxymoron und der langjährige Schlagzeuger Pinch komplettieren die aktuelle Besetzung.

Natürlich sind es die alten Stücke, auf die das Publikum lustvoll anspringt. Vor der Bühne formen sich Körper zu einem wogenden Pogo-Meer. Doch auch mit ihren späteren Songs haben The Damned bewiesen, dass sie es verstehen, rauen Rock ’n’ Roll mit eingängigen Melodien und poppig mehrstimmigen Refrains zu vereinen. Immer wieder lässt sich Captain Sensible zu ausschweifenden Gitarrensoli hinreißen, was zur Blütezeit des Punk eine schlichte Unmöglichkeit gewesen wäre.

In bestem Sound und adäquater Lautstärke offerieren The Damned das Beste aus 40 Jahren. Darunter auch ihre Coverversion von Barry Ryans „Eloise“, 1985 ohne Captain Sensible entstanden, nun im SO36 durch seine kantige Gitarre rockig veredelt. Das gibt diesem Klassiker eigenständigeres Format. Höchst eingängig kommt das neue Stück „Standing On The Edge Of Tomorrow“ daher, bodenständig brachial das frühe „Neat Neat Neat“. The Damned sind eine gestandene Rockband, die ihre Wurzeln im Punk nicht verleugnet, sich aber stilistisch nach vielen Seiten offen zeigt.

Und dann, zum Auftakt des Zugabenteils, poltert plötzlich ein Discogroove los. Man mag es gar nicht glauben. Spielen sie jetzt Captain Sensibles frühen Achtziger-Hit „Wot“? Tatsächlich rapt sich der Captain zum pumpenden Beat durch bis zum Refrain „Say Captain, say Wot“ – aber dann ist auch schon Schluss. Schnell wischen sie den Partykracher mit einem Grinsen wieder beiseite und brettern lieber furios durch „So Messed Up“ von 1986.

Mit dem brachialen „Smash It Up“ von 1979 als vierte und letzte Zugabe hinterlassen The Damned kurz vor Mitternacht ein so dankbares wie atemloses Publikum und haben einmal mehr unter Beweis gestellt, dass sie es nicht nötig haben, nur in der Vergangenheit zu leben. Auch wenn man sich im Saal natürlich über die Schätze der frühen Jahre am meisten freut. Diese Band ist immer noch verdammt gut.