Kultur

Vorhang auf für einen Star

Polina Semionova präsentiert die Ballett-Gala „Polina & Friends“ – und die Bandbreite tänzerischen Ausdrucks

Die 33-jährige Polina Semionova, vor einem Jahr zur Berliner Kammertänzerin ernannt, ist momentan ohne Zweifel so etwas wie die Anna Netrebko des Balletts: ein unbestrittener Star – und international bestens vernetzt. Das spielt sie nun dem dankbaren Berliner Publikum gegenüber mit der Ballettgala „Polina & Friends“ in der Staatsoper Unter den Linden aus. Noch vor der langjährigen Sanierung machte sie hier ihre ersten Schritte auf einer Berliner Bühne. Dass die in Moskau geborene Tänzerin in Berlin eine treue und große Fangemeinde hat, ist unüberseh- und unüberhörbar, als die Russin zur Begrüßung via Mikrofon ansetzt. Die direkte Ansprache bringt eine angenehm menschliche Note in diesen Abend, der trotz vieler moderner Tanzelemente immer noch dem klassischen Ballett und damit einer für heutige Zeiten sehr distanzierten Kunstform gewidmet ist.

Unterschiedliche Stile auf höchstem Niveau

Polina Semionova geht es hier nicht um große Namen und ein bisschen Kunst. Sie will unübersehbar sehr verschiedene Personal- und Ballettstile, auch unterschiedlichste choreographische Handschriften auf höchstem Niveau zeigen. Der raumgreifende und doch durch große Leichtigkeit immer wieder berückende Stil, den sie zu Beginn im Pas de deux aus „Le Corsaire“ vorführt, ist sicherlich an ihre Persönlichkeit, auch an ihre hochgewachsene Figur gebunden – und lässt sie in den Pirouetten einiges an Sogwirkung erzielen. Ihr Partner in dieser klassischen Choreographie ist der brasilianische Tänzer Daniel Camargo. Dessen muskulös-sportive Präsenz ist ein künstlerisch gut austariertes Gegengewicht zum leichten Federn, welches Semionova erzeugt.

Einer der Höhepunkte des Abends sind die Darbietungen von Polina Semionovas langjährigem Tanzpartner, dem Kammertänzer am Staatstheater Stuttgart Friedemann Vogel. Nach dem sinnlich ausschwingenden „Corsaire“ vor himmelblauem Hintergrund wird in pechschwarzer Kulisse der weiße Rücken von Vogel fast wie bei einer Obduktion beleuchtet. Gnadenlos, wie bereit zur Organentnahme. Von den gestochenen Cellotönen in der Musik des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel lässt sich der Tänzer über die Bühne hetzen: Nach dem fast allzu romantischen Auftakt wird nun der moderne Mensch mit seiner Selbstverantwortlichkeit, seinen Selbstzweifeln in den Mittelpunkt gestellt – die selbst erteilten Ohrfeigen deuten darauf hin, dass die modernen Krisen jenseits des schönen Scheins der Romantik den Menschen nicht von außen auferlegt, sondern aus ihnen selbst heraus geboren werden.

Nach dieser Erfahrung sieht man auch ein morbides Stück der Tanzromantik wie Adolphe Adams „Giselle“ mit anderen Augen. In der Gespenstergeschichte, wo tote junge Frauen in Tanzlust aus den Gräbern steigen, entdeckt man bereits die dunkle Seele und die Zerrissenheit des modernen Menschen, der sich in seiner Angst vor dem Dasein solche Opiumfantasien ausdenkt. Die Darbietung des Paares Danielle Muir und Konstantin Lorenz ist von einer großen Künstlichkeit. Die australische Tänzerin und langjährige Solistin des Staatsballetts Muir tanzt mit profundem Wissen um Traditionen. Und doch ist es eine durchaus moderne Art, wie Muir den abschließenden Triller des Cello-Rezitativs aus Adams süffiger Musik körperlich gestaltet. Der gebürtige Berliner Konstantin Lorenz ist ihr in seiner Flexibilität ein guter Partner.

Ballett ist auch immer Pop – und das zu allen Zeiten seit den klassischen Choreographien in Paris und Moskau. Kongenial führt Jiří Bubeníček diesen Aspekt der Kunstform in seiner Choreo- und Szenographie „Intimate Distance“ weiter, lässt Mann und Frau ihre Eifersucht vor einem in aggressivem Rot leuchtenden Hintergrund ausagieren. Dmitry Semionov, der Bruder der Gastgeberin und Mitglied der Kompanien von Dresden und Dortmund, setzt hier ungeachtet des harten Konflikts auf der Bühne eine weiche, immer durch den Filter klassischen tänzerischen Handwerks gegangene Körpersprache ein. Fast schon sympathisch ist der Eindruck, dass an diesem Galaabend in der Staatsoper nicht alles wie geschmiert läuft. Polina Semionova mag Herbert-Grönemeyer-Fan sein: Doch nachdem Semionova sein Lied „Letzter Tag“ tänzerisch als Aperçu des Abends in Szene gesetzt hat, kommt der Pop-Altmeister nur schüchtern auf die Bühne. Als Stern soll hier schließlich Semionova leuchten, nicht Grönemeyer. Zuvor hätte man sich gewünscht, dass die Staatskapellen-Cellistin Sennu Laine und die Pianistin und Semionova-Schwester Ksenia das „Du bist die Ruh“ von Franz Schubert live auf die Bühne bringen – doch am Ende kommt auch diese Nummer vom Tonband. Erschien Semionova und ihrem formidablen Partner Ivan Zaytsev der Tanz über dieser ohnehin schon zerbrechlichen Musik zu heikel für eine musikalische Live-Darbietung?

Wie darstellerisch zugleich fein und vielseitig dieses Paar agiert – Zaytsev ist Ballettsolist am Mikhailovsky-Theater in St. Petersburg –, kann man in dem Duett zu Musik der Gruppe „Assurd“ bewundern. Szenerie und Kostüme lassen die lastende Atmosphäre südamerikanischen Machismos entstehen, Semionova stellt mit wenigen treffsicheren Gesten das Schwanken der Frau zwischen Devotheit und Aufbegehren dar.

Polina Semionova ist trotz ihres Sonderstatus in der Berliner Ballettszene nicht die Frau, die vergisst, dass es das Staatsballett ist, das ihr die Möglichkeit dieses sehr persönlichen Abends eröffnet hat. Und so wird auch den Schülerinnen und Schülern des Staatsballetts sowie dem Landesjugendballett nach der Pause viel Raum gegeben, ihr Können zu präsentieren. Mit einer rockigen und unmittelbaren Choreographie von Marco Goecke setzt der Berliner Ballettnachwuchs einen gut ausgedachten Akzent im Geschehen und lässt ahnen, dass in der nächsten Tänzergeneration die Unnahbarkeit zwischen Akteuren und Publikum noch ein Stück weit mehr verschwinden wird.

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