Kultur

Wie man sich mit Regeln arrangieren kann

Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll fährt durch die Stadt

Außen ist eine Seite voll verspiegelt, von innen gibt es einen Panoramablick nach draußen. So sieht ein mobiler Theatertruck aus. Früher mal wurden in dem Lkw Schweinehälften transportiert, verrät Fahrer Rudi. Neben ihm in der Kabine sitzt die etwa zehnjährige Dido aus Berlin. Sie leitet den theatralen Ausflug mit altklugem Charme. Für das Hebbel am Ufer hat das Theaterkollektiv Rimini Protokoll den umgebauten Lkw aus der Erfolgsproduktion „Cargo X“ reaktiviert. Damals saßen rumänische Fahrer am Steuer. Nun ist es Rudi aus Niedersachsen. Wie immer arbeitet Rimini Protokoll nicht mit professionellen Schauspielern, sondern mit ganz normalen Leuten. So auch jetzt in der neuen Produktion „Do’s & Don’ts – Eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt“.

Das Autoren-Regie-Team Helgard Haug, Jörg Karrenbauer und Aljoscha Begrich hat einen urbanen Laborversuch ausgeheckt, der Berlin aus einer unbekannten Perspektive beleuchtet. Anfangs versperren drei Leinwände die Sicht nach draußen. Darauf gibt es einen Live-Stream aus der Fahrerkabine. Rudi und Dido im Gespräch. Oder Video-Collagen.

Die Leinwand geht hoch, die Stadt wird zur Bühne

Es geht um Regeln, um das, was erlaubt ist und was nicht. Was wir für unser Zusammenleben brauchen oder was in der Zukunft wichtig wird. Dido erklärt die Regeln, auch mithilfe von Gesetzesbüchern. Sie findet Regeln wichtig und hilfreich. Unterstützt wird sie dabei auf der Leinwand vom Chor des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums.

Wenn die Leinwände hochgehen, wird die Stadt zur Bühne. Im Vorbeifahren, aber auch für einige Stopps. Etwa am Hermannplatz. Dort berichtet Dido mitten im Trubel von der Drogenszene und wie gefährlich sie diesen Platz findet. Sie fordert mehr Polizei. Auch beim nächsten Halt an einer Freifläche, die mal eine Smart City werden soll, gibt sie die Reporterin. Sie mag die Future City trotz allgegenwärtiger Überwachung allein schon wegen der Müllroboter.

Natürlich haben Regeln und Überwachung auch negative Seiten. Da kommt Jasper am S-Bahnhof Südkreuz ins Spiel. Die Zuschauer werden selbst zu Überwachern und sehen Teenager Jasper, der trotzig gegen die digitale Gesichtserkennung am Bahnhof aufbegehrt. Etwas später rebelliert er gegen Nutzungsverbote auf dem Tempelhofer Feld, fragt, wie frei wir eigentlich sind?

Rudi indes hat sich mit den Regeln arrangiert. Wie auch ein ungewollter Zwischenfall zeigt: Der Lkw touchiert in Neukölln einen Transporter. Nachdem die Polizei alles gütlich geregelt hat, sind alle erleichtert. Dank der Regeln.

Antworten, wie man mit den Do’s und Don’ts umgehen soll, gibt die Produktion nicht. Die intelligent inszenierte dokumentarische Collage zeigt jedoch vielschichtig einen Istzustand Berlins, wie man ihn so noch nicht wahrgenommen hat. Spannend und nachdenklich stimmend zugleich.

Hebbel am Ufer, Start/Ziel HAU 1, Stresemannstr. 29, Kreuzberg, Tel. 25 90 04 27. Termine: 16.–17./22.–23./26./28.–30.5. um 17.30 Uhr (Nur noch Restkarten/Abendkasse)