Kultur

Der ruhende Pol im Orchester

Die japanische Stargeigerin Midori bringt so schnell nichts aus dem Lot

Gemäßigtes Chaos in der Probenpause des Deutschen Sinfonieorchesters (DSO) im Haus des Rundfunks an der Masurenallee. Dirigent Constantinos Carydis hat die Probenordnung anders angesetzt, als es vorgesehen war: Länger geprobt wird nun an Leonard Bernsteins Serenade für Violine, Harfe, Schlagzeug und Streichorchester. In Bernsteins hundertstem Geburtsjahr ist dies sicherlich ein Höhepunkt des aktuellen DSO-Programms. Solistin ist Midori. Trotz Termindrucks ist die berühmte Geigerin der ruhende Pol im bewegten Orchestervormittag.

Midori hat die Serenade einst in einem legendären Konzert im Jahr 1985 mit dem Maestro in der US-Klassik-Hochburg Tanglewood aufgeführt. Für die damals 14-Jährige eine unvergessliche Erfahrung. "Weniger, dass es Bernstein war. Sondern, dass er zugleich Komponist, Dirigentenpersönlichkeit, aufführender Musiker und Kollege sein konnte. Diese Vielheit. Das war das Besondere."

Für die Feuilletons, auch für die Midori-Biografen war damals noch ein anderes Ereignis besonders: dass der jungen Geigerin in besagtem Konzert gleich zweimal die hohe E-Saite ihres Instruments riss. Beim zweiten Mal, gibt die heute 46-jährige Japanerin mit Wohnsitz in den USA zu, sei sie schon etwas irritiert gewesen – "aber eigentlich ist man nicht in Panik, sondern nur überrascht – so wie wenn es draußen plötzlich schneit".

Midori bringt so schnell nichts aus dem Lot. Für das Foto richtet sie sich kaum her, zieht nur schnell einen gelben Pullover über. Das Taxi durch Berlin lehnt die Stargeigerin ab, fährt seelenruhig mit der U-Bahn von Termin zu Termin, nimmt als Gründerin von drei sozialen Stiftungen in den USA und in Japan auch in der deutschen Hauptstadt an einem Konzert für geflüchtete Frauen und Kinder aus Syrien teil. Dieses soziale Engagement, betont Midori, habe nichts mit der Geige zu tun. Und oft – wenn es nicht gerade um musikalische Education-Projekte für Kinder aus armen Familien geht – habe es auch gar nichts mit Musik zu tun.

Früh als geigerisches Wunderkind gefeiert, studierte sie mit Ende 20 an einer New Yorker Universität Psychologie. Um ihre unglückliche Kindheit mit gewalttätigen Eltern und einem Alkoholiker als Vater aufzuarbeiten, sagen Außenstehende. Um das Denken und das Beschreiben von Sachverhalten noch einmal ganz neu und ganz für sich zu lernen, sagt Midori.

"Es war zwar Psychologie, aber ich sehe es eher als ein ganz allgemeines Studium. Ich habe das erste Mal gelernt, wie man lernt. Wie man verschiedene Ideen zusammenbringt. Auch wie man seine Zeit organisiert, sich selbst organisiert." Midori war damals schon seit Jahrzehnten professionelle Musikerin – und musste doch bereits lange eine Managerin ihrer Zeit gewesen sein.

Midori schüttelt heftig den Kopf. Das sei nicht das Gleiche. Die eigenen Übeeinheiten organisieren – die Selbstdisziplin, für Midori ist dies das kleine Einmaleins. Sich selbst und andere aufmerksam beobachten: Solche Fähigkeiten liegen in den Augen von Midori in einem höheren Level.

Konzert mit dem DSO unter Constantinos Carydis, Solistin: Midori. Werke von Bernstein, de Falla und Ives. Sonntag, 13. Mai, 20 Uhr, Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Straße 1

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