Neue Ausstellung

"Wanderlust" in der Alten Nationalgalerie: Ab in die Natur!

Die Romantiker und ihre „Wanderlust“: Nächste Woche eröffnet die facettenreiche Sonderschau in der Alten Nationalgalerie.

Der Künstler als stolzer Wanderbursche (r.) mit seinem Mäzen: Gustave Courbets „Bonjour Monsieur Courbet“, 1854. Das Gemälde ist eine Leihgabe aus Frankreich

Der Künstler als stolzer Wanderbursche (r.) mit seinem Mäzen: Gustave Courbets „Bonjour Monsieur Courbet“, 1854. Das Gemälde ist eine Leihgabe aus Frankreich

Foto: Musée Fabre, Montpellier | © Musée Fabre de Montpellier Méditerranée / Frédéric Jaulmes / BM

Berlin. Auf dem Rücken eines Tieres schwimmt Björk einen reißenden Fluss hinab im Kampf mit geheimnisvollen Mächten. Wild, übermächtig, unbezähmbar zeigt sich die Natur. Das surreale Setting in ihrem Video ist eine Reise zum Ursprung der Erde. „Wanderlust! Unbarmherziges Verlangen“, singt die Isländerin. „Abstreifen der Schichten“, singt sie weiter, „bis wir zum Kern kommen“. Dass dieser Clip zu Björks Song „Wanderlust“ als Teil der gleichlautenden Ausstellung in der Alten Nationalgalerie zu sehen ist, beleuchtet die Aktualität des Themas. Das Gehen auf längerer Strecke erlebt ein verblüffendes Comeback.

Unsere Gegenwart kennt viele Wanderer, nicht nur in der Praxis, sondern ebenso in Musik, Literatur und Philosophie. Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ gehört wohl zu den populärsten Mantras auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. „Dieses Rausgehen in die Natur ist gleichbedeutend mit dem Weg ins Unbekannte, mit jener Offenheit, etwas Neues zu erleben“, meint Kuratorin Birgit Verwiebe. „Das hängt sicher mit der Beschleunigung unseres Lebens zusammen. Beim Wandern findet der Mensch Besinnung, einen anderen Rhythmus für sich selbst.“

Die Alte Nationalgalerie besitzt mit stimmungsvollen Werken von Caspar David Friedrich eine bedeutende Romantik-Sammlung. Das Wandern, die Figur des Wanderers, rastend, gehend oder stehend, allein oder in der Gruppe sind als Hauptthemen präsent. Seine Ikone „Wanderer über dem Nebelmeer“ mit der typischen Rückenfigur gehört unbedingt dazu. Der Mann im Gehrock – offenbar ein Städter – schaut über Dunst und Wolken hinweg ins Ungewisse, Gleichnis für den schicksalhaften Lebensweg. Das Gemälde aus der Kunsthalle Hamburg ist erstmals in Berlin, eigentlich wird es nicht herausgegeben. Eine Gegenleihgabe macht es möglich. „Ohne das Bild könnte man so eine Ausstellung gar nicht machen“, meint Birgit Verwiebe. 120 Werke – Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen – sind in dieser facettenreichen Schau versammelt, von der Romantik bis hin zu einzelnen Werken der Klassischen Moderne. Von den 90 Gemälden stammen rund die Hälfte aus dem eigenen Bestand.

Eine monumentale, moderne „Bergsteigerin“ (1912), lässig auf den Wanderstock gestützt, begrüßt uns am Anfang des Rundgangs. Sie ist zugleich Schlussbild: Souverän schaut die Ehefrau des Malers Jens Ferdinand Willumsen hinab ins Tal. Jener Typ Frau in der Malerei der Moderne, die emanzipiert und selbstbewusst die Natur erobert. Ein Highlight ist sicher „Die Begegnung oder Bonjour Monsieur Courbet“ (1854). Da tritt Gustave Courbet als ungeheuer selbstbewusster Naturbursche seinem Mäzen Alfred Bruyas entgegen. Was für ein Rollenspiel! Der Gönner machte sich nichts draus, kaufte das Bild, gab es später an das Museum Fabre seiner Heimatstadt Montpellier. Dort sah es 30 Jahre später Paul Gauguin, es regte ihn zu der Replik „Bonjour Monsieur Gauguin“ an. Er malte sich als Außenseiter, der auf eine Bäuerin trifft, – nicht etwa auf einen reichen Sponsor. Dass beide Gemälde nun erstmals, wenn auch nur für kurze Zeit, nebeneinander hängen, ist ein Glücksfall.

Schwerpunkt ist das 19. Jahrhundert. Oft malten sich die Künstler selbst oder ihre Malerfreunde beim Nachdenken am Wegesrand oder beim Sinnieren in einer oft überirdischen Landschaft. So winzig, dass man sie erst auf den zweiten Blick erkennt. Einzelne Kapitel wie „Entdeckung der Natur“, die „Künstlerreise“ und südliche „Wanderlandschaften“ als Ideal schlagen eine Schneise auf dem Weg bis hin-auf auf den Gipfel des „Watzmanns“ (1824/25). Grundlage aller Werke Friedrichs war seine Fortbewegung in der Natur. Ohne diese Anregung sei seine Malerei „völlig undenkbar“ gewesen, erklärt Birgit Verwiebe. Eigene Anschauung und Vorlagen verwebten sich zu visionären Landschaften. Den Gebirgsstock der Berchtesgadener Alpen hat er tatsächlich nie gesehen. Für seine Ausführung in Öl nutzte er die Aquarellstudie eines Schülers, für die Felsenformation im Vordergrund nahm er eigene Blätter, die auf einer Harzreise entstanden. Er wanderte viel, auch alleine. Durch die Sächsische Schweiz, die Böhmische Schweiz, auf der Insel Rügen. So entstanden diese wunderbaren Himmel, das Meer und die Berge.

Alte Nationalgalerie, Bodestr. 1-3. Di-So 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Eröffnung: 9. Mai, 19 Uhr. Bis 16. September. Eintritt: 12 Euro

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