Kultur

Das Beben nach dem Echo

Aus Protest gegen die Auszeichnung für die Rapper Kollegah und Farid Bang geben Künstler wie Igor Levit und Marius-Müller Westernhagen ihre Preise zurück

Die Diskussion um die Verleihung des Musikpreises Echo an die Rapper Kollegah und Farid Bang hat sich weiter verschärft. Nach dem Berliner Notos Quartett sowie dem Musiker und Grafiker Klaus Voormann hat nun auch Marius Müller-Westernhagen angekündigt, seine insgesamt siebe n Trophäen zurückzugeben. Das teilte der Musiker am Dienstag auf Facebook mit. „Die Verherrlichung von Erfolg und Popularität um jeden Preis demotiviert die Kreativen und nimmt dem künstlerischen Anspruch die Luft zum Atmen. Eine neue Stufe der Verrohung ist erreicht“, erklärte er.

Am Donnerstag vergangener Woche waren die Rapper Kollegah und Farid Bang für ihr Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ ausgezeichnet worden. Es enthält Textzeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm’ an mit dem Molotow“. Dass diese Musik beim Echo preiswürdig ist, hatte heftige Kritik und eine Debatte um Antisemitismus ausgelöst.

„Sie sind einfach erschreckend ignorant“

„Ich bin nicht der Meinung, dass die mit dem Echo ausgezeichneten Rapper Antisemiten sind. Sie sind einfach erschreckend ignorant“, so Müller-Westernhagen. Zum Preis selbst schrieb er:
„Aufgrund seiner inhaltlichen Fehlkonstruktion war der Echo in der kulturellen Welt nie relevant. Aber hier geht es nicht um das Kalkül der profitmaximierenden Musikindustrie und ihrer Mechanismen. Es geht im Kern um den Zerfall einer kultivierten Gesellschaft, der zunehmend der innere moralische Kompass abhanden kommt, und dem sehen wir schon viel zu lange zu, ohne genügend Widerstand zu bieten.“

Im Zuge der Antisemitismus-Schlagzeilen trennen sich auch der Pianist Igor Levit und der Dirigent Enoch zu Guttenberg von ihren Trophäen. Levit schrieb auf Twitter, die Vergabe an die beiden Rapper sei für ihn „ein vollkommen verantwortungsloser, unfassbarer Fehltritt der Echo-Jury und gleichzeitig auch Ausdruck für den derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft“. Antisemitischen Parolen eine solche Plattform zu geben, sei unerträglich. Levit hatte 2014 einen Echo Klassik erhalten.

Enoch zu Guttenberg und Andreas Reiner vom Orchester Klangverwaltung schrieben an die Veranstalter: „Nachdem solch ein Preis nun im Jahr 2018 auch Verfassern von widerwärtigen antisemitischen Schmähtexten verliehen und noch dazu vom ,Ethikrat‘ Ihres Verbandes bedenkenlos freigegeben wurde, würden wir es als Schande empfinden, weiterhin diesen Preis in unseren Händen zu halten.“ Guttenberg und das Orchester hatten 2008 einen Echo Klassik bekommen.

Der Echo gilt als der wichtigste deutsche Musikpreis, eine Art deutscher Grammy. Er wird nach Verkaufszahlen und Juryempfehlung seit 1992 jährlich von der Deutschen Phono-Akademie in verschiedenen Kategorien vergeben. In strittigen Fällen wird ein Beirat angerufen. Im Fall des Rap-Albums hieß es vor der Verleihung, die künstlerische Freiheit sei in dem Text „nicht so wesentlich übertreten“, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre. Angesichts der vielfachen Proteste kündigte der Bundesverband Musikindustrie nunmehr an, das Konzept des Preises zu überarbeiten.

Der Sänger Peter Maffay hatte die Echo-Verantwortlichen derweil bereits am Vortag zum Rücktritt aufgefordert. Auch andere Musiker und Kulturschaffende meldeten sich zu Wort. „Ich habe selbst noch nicht darüber nachgedacht, meine Preise zurückzugeben“, sagte der Sänger und Trompeter Till Brönner der Berliner Morgenpost. „Diese Entscheidung muss jeder für sich selber treffen. Es ist aber in jedem Fall ein großes Zeichen, das Westernhagen da setzt. Die Leistung, für die er ausgezeichnet wurde, bleibt ja erhalten, auch ohne die physische Trophäe.“ Er bewundere Klaus Voormann, der sehr schnell nach der Verleihung gehandelt und seinen Preis zurückgegeben habe. „Wir befinden uns alle schon in der wichtigen Diskussion, darüber, wie weit man mit seinen Provokationen in Deutschland gehen darf. Sie zeigt aber auch, dass wir alle ziemlich langsam sind. Es wurde ja zugelassen, dass die Lieder mit den umstrittenen Zeilen in die Charts kamen. Die Idee des Echo hat sich ja über viele Jahre entwickelt, diese spezielle Veranstaltung
hat sich jetzt zu einem Riesending aufgeblasen.“ Till Brönner selbst wurde bereits fünf Mal mit dem Echo ausgezeichnet.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kritisierte die Ehrung der Rapper Farid Bang und Kollegah mit dem Echo scharf. „Dass Songs mit Texten, die menschenverachtende und herabwürdigende Passagen enthalten, von der Musikindustrie ausgezeichnet werden, offenbart die Fragwürdigkeit eines Preises, der nur auf Erfolg an der Kasse setzt“, sagte Grütters der Berliner Morgenpost. „Das Versagen des Ethikrates ist in diesem Fall besonders bitter.“ Zwar sei in Deutschland die Kunstfreiheit garantiert, erklärte die CDU-Politikerin. „Aber sie hat ihre Grenzen da überschritten, wo Holocaust-Opfer verhöhnt werden.“

Der Präsident des Deutschen Kulturrats, Christian Höppner, teilte mit, er werde sich aus dem Beirat des Echo zurückziehen. Die Entscheidung gegen den Ausschluss des Albums sei ein „Fehler“ gewesen, so Höppner in einer Mitteilung vom Dienstag.

Der Sprecher des Beirats, der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen, verteidigte dagegen die Entscheidung. „Grenzüberschreitungen sind nicht akzeptabel, aber sie sind ein Teil der Musikkultur“, sagte er. Der Beirat habe die Entscheidung gemeinsam getroffen, so Börnsen. Das Gremium habe die Texte der Rapper zwar für unvertretbar und unwürdig gehalten, dennoch einen Ausschluss mehrheitlich nicht für den richtigen Weg gehalten. Der Politiker plädierte dafür, aus der Diskussion zu lernen. „Es braucht ein neues Wertesystem“, sagte er. Es gehe auch um Themen wie Hass, Frauenfeindlichkeit und Sympathien für Terrorismus.