Konzert in Berlin

Tocotronic spielen in der Columbiahalle um ihr Leben

Wer hat das jemals Diskurs-Pop geschimpft? Die angegrauten Hamburger schrammeln sich in Berlin durch ihre Band-Historie.

Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow

Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow

Foto: dpa

Berlin. Dieser gut frisierten, stets lauten und immer klugen Hamburger Band Tocotronic, ihnen hängt ein Wort nach: Diskurs-Pop. Das klingt ein bisschen nach schüchternen Eckenstehern, faden Uni-Seminaren und zu vielen Pickeln im Gesicht. Lässig ist jedenfalls anders. Und es kann durchaus sein, dass auf diese vier Männer um Sänger Dirk von Lowtzow all das zutraf – zumindest bevor sie das erste Mal auf ihren Gitarren schrammelten und irgendein Mensch, dem man heute danken sollte, den Verstärker auf „sehr laut“ drehte. Wer auf ein Tocotronic-Konzert geht, sollte sich seinen Diskurs-Pop in die Haare schmieren, sein Bier öffnen und dem Spießertum wenigstens für diesen Abend den Krieg erklären. Let there be Rock.

Am Montagabend war also Berlin dran. „Endlich“, wie von Lowtzow dem Publikum in der Columbiahalle zu Konzertbeginn zuraunte. Hinter ihm ein unendlicher Sternenhimmel. Das All. Denn „Unendlichkeit“, so heißt das neue Album, das Tocotronic Anfang des Jahres veröffentlichten. Ein Nummer-Eins-Album. Die Zeiten, in denen sie in kleinen Indie-Clubs in der Provinz spielten, sind lang vorbei. 3500 Menschen füllen die Columbiahalle bis auf den letzten Platz, am Dienstagabend gibt es sogar ein Zusatzkonzert. Längst ist die Hamburger-Schule-Band eine der anerkanntesten des Landes.

Tocotronic sind sich treu geblieben

Zwar haben sich Tocotronic seit ihrer Gründung im Jahr 1993 immer mal ein bisschen anders angehört. Sie sind sich aber treu geblieben darin, schlau gegen die Einfältigkeit anzutexten und dazu Indie-Rock zu schrammeln. Nur ganz so viele doppelte Böden wie früher zieht Sänger von Lowtzow nicht mehr ein in seine Texte. Dabei schrieb kaum jemand in Deutschland so kunstvolle, spannungsvolle, ja, rätselhafte Zeilen und dachte trotzdem noch daran, dass ab und an Mitgrölen ganz schön sein kann: „Pure Vernunft darf niemals siegen!“, schmettert auch am Montagabend die ganze Halle der Bühne entgegen.

Auf „Unendlichkeit“ jedenfalls hat die Band ein paar Kunstgriffe weniger getan. 25 Jahre nachdem die drei Hamburger Studenten Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank die Band gründeten, war es anscheinend Zeit, zurückzuschauen. Auf die Enge der Provinzjugend im Schwarzwald, die ersten aufregenden Hamburger Tage, die Rebellion gegen den Muff der Bundesrepublik. Die Texte eindeutiger, anschlussfähiger, als früher.

Wer bei Tocotronic von Diskurs-Pop schwurbelt, hat den Rock’n’Roll nicht verstanden

Das Album ist musikgewordene Bandbiographie, erzählt von Sänger Dirk von Lowtzow. Diesem Rock-Philosophen, Poeten und, er wirkt manchmal so an diesem Abend, Harlekin. „Mausis, Herzensbrecher, Genossinnen und Genossen“, so setzt der 47-Jährige zur Rede an, bevor Gitarrist Rick McPhail, der seit 2004 zur Band gehört, die ersten Akkorde von „Aber hier leben, nein danke“ anschlägt. Von Lowtzow, meint man, will die Genossen zur Revolution aufrufen, bis ihm einfällt, dass doch alles erst noch einmal diskutiert werden muss und Ironie erstmal das viel schärfere Schwert ist. Nur die E-Gitarren schreddern bei Tocotronic eigentlich immer gen Revolution.

Angeleitet von ihrem Frontmann spielt sich die Band in der Columbiahalle durch ihre großen Songs. Aktuelle Hits wie „Electric Guitar“, das er unbekümmert als „modernen Klassiker“ ankündigt, oder „Hey Du“ wechseln sich ab mit alten Stücken wie „This Boy is Tocotronic“ oder „Kapitulation“. Ein Greatest-Hits-Abend könnte man sagen, auch wenn die auf die 50 zugehenden Herren auf der Bühne das sicherlich nicht mögen, weil das so nach Karriereherbst klingt. Aber das Älterwerden macht weder vor Musikern halt noch vor dem Publikum. Sänger von Lowtzow und Gitarrist McPhail glänzen mit silber-grauer Frisur, unter den Zuschauern glänzt bei dem ein oder anderen schon die Glatze.

Viele sind mit Tocotronic erwachsen geworden, haben mittlerweile auch schon ein Reihenhaus oder einen Garten, wo gemäht werden muss. Nur Bassist Jan Müller scheint irgendeinen Pakt mit dem Rock’n’Roll-Gott geschlossen zu haben: Sein Gesicht scheint frisch wie beim ersten Konzert. Aber egal, was das Alter sagt: Wer nach diesem Konzert noch von Diskurs-Pop schwurbelt, hat den Rock’n’Roll nicht verstanden. Der funktioniert nämlich auch Ü50 noch ganz hervorragend. Wann spielt Iggy Pop noch gleich das nächste Mal?

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