Konzert

Lana del Rey zeigt sich in Berlin als selbstbestimmte Barbie

Lana del Rey lässt bei ihrem einzigen Deutschland-Konzert in Berlin Künstlichkeit und Authentizität in eins fallen.

Lana del Rey am Montagabend auf der Bühne der Mercedes-Benz-Arena in Berlin

Lana del Rey am Montagabend auf der Bühne der Mercedes-Benz-Arena in Berlin

Foto: Pop-Eye

Berlin. An einer Stelle mitten im Konzert kniet Lana del Rey am Bühnenrand der Mercedes-Benz-Arena und richtet mit einer knappen Handbewegung den Ventilator, der ihr das schwarze Haar so malerisch aus der Stirn weht. Das dauert nur eine Sekunde, aber es fasst das Phänomen Lana del Rey in seiner seltsamen, aber schönen Paradoxie zusammen.

Einerseits steht da jemand in einem Las-Vegas-Bühnenbild aus Pappmaché-Felsen und Plastikpalmen, die dem feuchten Traum eines jeden Mannes zirka 1963 entsprungen sein könnte: sehr knappes Sommerkleid, hohe schwarze Stiefel, lange angeklebte Wimpern, Schmollmund. Oder auch eines Mannes aus dem Jahr 2018, der gerne alte Films Noir guckt oder die Serie „Mad Men“, wo Kerle vormittags im Büro Whiskey trinken und Frauen vor allem dazu da sind, hübsch auszusehen. Oder sich mal beim Singen auf einem goldenen Flügel zu räkeln. Was Lana del Rey auch wirklich tut.

Sie schlägt auch immer mal wieder die Augen auf, irgendwo zwischen unschuldig und lasziv. Sie tanzt in Zeitlupe, haucht ins Mikro, dass es in den Breitwand-Arrangements der Band unterzugehen droht. Dann aber schmettert sie los, wie man es von ihren Alben kaum kennt – als wolle ihre Stimme den ganzen perfekten Postkarten-Pop von innen heraus zerhauen.

Romantisch, sexy und selbstbewusst

Und bei all dem wird klar: Elizabeth Grant (ihr bürgerlicher Name) inszeniert sich als die Retro-Kunstfigur Lana del Rey mit großer Bewusstheit selbst. Sie ist keiner Hit-Fabrik entstiegen, schreibt seit bald 15 Jahren ihre Songs und Lyrics selbst, hat sich gewissermaßen aus den kleinen Clubs Brooklyns, in denen sie Anfang der Nullerjahre begonnen hat, in Riesenhallen hochgearbeitet. Ihre Fans in Berlin sind mehr Frauen als Männer. Und ihre fast schon Barbie-hafte Selbststilisierung auf die 50er- und frühen 60er-Jahre, mit aller dazugehörigen musikalischen Süße, trifft immer wieder auf verwirrend abgründige Texte.

Neben Jungs, die wie James Dean aussehen, und Mädchen, die gern Marilyn Monroe wären, tummeln haufenweise abseitige Figuren des Kaliforniens der allgemeinen Imagination in ihren Liedern: Freaks und Kaputte, verstorbene Lover und spielsüchtige Kokser. Die Frauenfiguren pendeln zwischen gepflegter Melancholie, dem Verlangen, von bösen Daddys schlecht behandelt zu werden, und handfesten Todeswünschen. Sie sehen sich aber auch selbst als Serienkiller, als dunkle Femmes Fatales, vor denen sie alle Männer lieber warnen wollen. Und irgendwie schafft es Lana del Rey, dieses Bild des selbstzerstörerischen All American Girl, diese eigentlich erzkonservative Gender-Mischung, romantisch, sexy und selbstbewusst rüberkommen zu lassen.

Eine Fan-Traum-Erfüllungsmaschine

Wie genau sie so ein Flirren der Gegensätze ins Werk setzt, bleibt auch nach gut 90 Minuten Konzert ein Rätsel. Für eine Sekunde gibt del Rey die kühle, fast irreale Ikone, die just aus einem Instagram-basierten Modeblog entstiegen zu sein scheint. Dann erklärt sie locker, dass sie beim eben nicht so gut gesungenen Publikumswunsch den Text vergessen hatte, und ihr die Fans durch Mitsingen – Zitat – den Arsch gerettet hätten. Dann wieder flirtet sie minutenlang mit Menschen in der ersten Reihe, lässt Selfies mit sich machen, nimmt Geschenke entgegen, vergibt und empfängt Küsschen, von Männern wie Frauen. Fast jeder darf mal.

An diesen Stellen wird die Show vollends zur Fan-Traum-Erfüllungsmaschine. Die fast ausverkaufte Mehrzweckhalle dankt es ihr abwechselnd mit kollektivem Kreischen und Sehr-leise-Sein. Vielleicht ist aber genau dies das Geheimnis von Lana del Rey: Rolle und Person, Künstlichkeit und Authentizität untrennbar zusammenfallen zu lassen.

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