Nach Skandal-Echo

„Der deutsche Rap ist so antisemitisch wie Rechtsrock“

Nach dem Echo für Kollegah und Farid Bang spricht der jüdische Rapper Ben Salomo im Interview über Judenfeindlichkeit im Rap.

Das sagen die Stars zum Rapper-Eklat

Für Kollegah und Farid Bang gibt es einen Echo. Unsere Reporterin hat mit den beiden und anderen Stars über den Eklat gesprochen.

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Die Rapper Kollegah und Farid Bang haben einen Echo gewonnen. Unter anderem mit der Zeile „Mein Körper definierter als von Auschwitz­Insassen“. Der Rapper Ben Salomo ist Jude. Der 41-Jährige wurde in Israel geboren und ist in Berlin aufgewachsen. Außerdem organisiert er Deutschlands größtes Battle-Rap-Event „Rap am Mittwoch“. Mit Julius Betschka hat er über den wachsenden Antisemitismus in der Szene gesprochen.

Sie sind selbst Teil der Rap-Szene, die nach der Verleihung des Echos an Kollegah und Farid Bang nun als antisemitisch beschrieben wird. Haben Sie selbst Antisemitismus erfahren?

Ben Salomo: Natürlich. Das fängt damit an, dass Backstage jemand einen Joint nicht weitergibt und als „Jude“ beschimpft wird. In Gesprächen mit anderen Rappern werde ich sofort in die Außenminister-Position von Israel gedrängt. Da soll ich mich dann von der Politik Israels distanzieren. Aber ich habe Antisemitismus nicht nur in der Rap-Szene erlebt – das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ich wurde bereits in der siebten Klasse von türkischen und arabischen Mitschülern wegen meines Jüdischseins diskriminiert und angegriffen.

Es scheint doch, als trete diese Judenfeindlichkeit besonders im Rap offen hervor?

Ja, die deutsche Rap-Szene ist in weiten Teilen genauso antisemitisch wie die deutsche Rechtsrock-Szene. Bei vielen, die ich kenne, spiegelt sich das noch nicht mal in den Texten wider, aber sehr viele glauben an antijüdische Verschwörungstheorien. Dadurch kommt das dann auch immer wieder in den Songs vor.

Die Rapper sind also Spiegel antisemitischer Tendenzen in der ganzen Gesellschaft?

Nicht nur das! Sie sind auch ein besonders starker Multiplikator dieser Vorurteile. Sie haben Millionen junge und fanatische Fans, die die Rapper als Idole sehen. Die können das noch gar nicht reflektieren. Das ist eine sehr, sehr gefährliche Sache. Dass der Echo so was auch noch kürt, ist kein Skandal, das ist ein komplettes Versagen.

Es gab ja durchaus Diskussionen, ob die Zeile „Mein Körper definierter als von Auschwitz­Insassen“ per se antisemitisch sei. Der Ethik-Beirat des Echos entschied, die beiden Rapper trotzdem zuzulassen. Wie sehen Sie das?

Die beiden fallen ja nicht das erste Mal auf: Ich kriege gerade bei Kollegah und auch bei vielen anderen mit, dass es eine Obsession zu geben scheint, die auf eine bestimmte Ideologie bei ihnen hindeutet. Kollegah nutzt in seinen Videos antisemitische Symbole und Sprachcodes. Im Video zu „Apokalypse“ trägt der Diener des Teufels einen Davidstern – das Symbol der Juden. Er stellt sich darin eine Welt vor, die friedlich koexistiert – ohne Juden. Ob er wirklich ein Antisemit ist, möchte ich nicht beurteilen, weil ich ihn nicht persönlich kenne. Aber er ist jemand, der anscheinend an viele antisemitische Verschwörungstheorien glaubt, die seine innere Einstellung einfärben. Er reiht sich damit ein in eine Bewegung, die Israel das Existenzrecht abstreitet. Das ist antisemitisch.

Kollegah und Farid Bang verteidigen sich, dass es im Battle-Rap eben hart zugehe und jeder was abbekommt. Sie organisieren selbst Battle-Rap-Veranstaltungen – ist es da normal, dass es auch gegen Juden geht?

Im Battle-Rap schießt man in alle Richtungen. Das ist sein Wesen, es ist hart. Nur gibt es einen großen Unterschied zu dem was die Beiden machen: Wenn man einen wirklichen Gegner auf der Bühne hat, der einen bestimmen Hintergrund mitbringt, dann ist es klar, dass man diesen Hintergrund angreift. Wenn der nächste Gegner kommt, greift man dessen Hintergrund an. So bleibt alles zwar dennoch geschmacklos, aber wenigstens in einer Art Gleichgewicht. Diese Rapper aber, haben nur einen imaginären Gegner, ich frage mich deshalb, wieso richten sich Ihre Angriffe derartig obsessiv an eine bestimmte Gruppe und bedienen immer wieder dieselben antisemitischen Ressentiments? Eine Antwort wäre, dass viele Rapper in den letzten Jahren gemerkt haben, dass man mit solchen Äußerungen in Deutschland sehr gut polarisieren kann. Dazu gibt es viele Menschen hier, die derartigen Äußerungen zustimmen. Heute reicht es aus, als mittelmäßiger Rapper einen Anti-Israel-Song zu machen und sich mit Palästina zu solidarisieren. Schon giltst du als Ehrenmann.

Und das ist eine neue Tendenz?

Nein, das gab es auch schon vor zehn Jahren oder früher. Nur sind die Protagonisten heute viel bekannter und ihre Musik verbreitet sich millionenfach über das Internet. Man kann insgesamt beobachten, dass antisemitisches Gedankengut wieder absolut salonfähig geworden ist. Besonders bei YouTube findet man unzählige antisemitische Propaganda Videos, dazu via Satellit die Berichterstattung aus arabischen Ländern, die ein bestimmtes Narrativ vermitteln wo Juden und der jüdische Staat als Feinde der Menschheit bezeichnet werden. Viele Menschen machen sich deshalb stark für die Palästinenser und delegitimieren die Existenz des Staates Israel.

Israels Sicherheit wird von der deutschen Politik als Staatsräson betrachtet.

Diese Staatsräson ist leider nur ein unglaubwürdiges Lippenbekenntnis. Dazu kommt, dass viele Migranten die Erinnerungskultur zum Holocaust als Problem der Deutschen betrachtet. Viele arabische und türkische Migranten wollen damit nichts zu tun haben – nach dem Motto: Wir waren das ja nicht. Stattdessen sind antijüdische Verschwörungstheorien wie von den reichen jüdischen Finanzhaien in den Communitys sehr, sehr weit verbreitet. Und der Antisemitismus aus dieser Ecke ist heute meiner Erfahrung nach viel selbstbewusster, als der von ganz rechts oder ganz links. „Ich habe nichts gegen Juden, nur gegen diese Zionisten und Israel“ höre ich immer wieder, aber nicht nur von Migranten, sondern auch oft von Mitte rechts bis ganz links. Dieses Narrativ verbreitet sich immer stärker in Deutschland – auch durch Rap. Dabei ist diese Aussage nur eine antisemische Chiffre.

Sie machen Rap mitverantwortlich für den Antisemitismus in der Gesellschaft?

Ich habe schon antisemitische Erfahrungen gemacht an meiner Berliner Schule und in meiner Gegend, da war deutscher Rap noch völlig unbekannt und die wenigen Rapper, die es damals schon zu einer gewissen Bekanntheit gebracht haben, waren noch weit davon entfernt Themen wie den Holocaust oder den Nahost Konflikt in ihre Texte einzubinden. Zu behaupten, dass Kollegah und die anderen die Ursache für Antisemitismus wären; das wäre völlig der falsche Ansatz. Antisemitismus ist wie gesagt ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Was muss aus ihrer Sicht dagegen getan werden?

Wichtig wäre denke ich, dass die Gesellschaft in Deutschland, flächendeckend, aufrichtig und nachhaltig über die Gefahren von Verschwörungstheorien, Antisemitismus und den Israel-Palästina-Konflikt aufgeklärt wird. So früh wie möglich. Damit diese antijüdischen Verschwörungstheorien nicht mehr auf so fruchtbaren Boden stoßen.

Sie sind selbst Jude und Teil einer Szene, die sie als antisemitisch beschreiben. Wie passt das zusammen?

Gar nicht mehr wirklich. Ich ziehe mich in diesem Jahr aus der deutschen Rap-Szene zurück. Das hat mehrere Gründe, einer ist: Ich fühle mich als Jude in der deutschen Rap-Szene nicht mehr wohl. Aber es geschieht auch insgesamt zu wenig gegen Antisemitismus in diesem Land. Das macht mich betroffen. Gefühlt sitze ich deshalb auf gepackten Koffern in Deutschland.

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