Humboldt Forum

Lars-Christian Koch wird Diener zweier Herren

Der Musikethnologe Lars-Christian Koch wird künftig die Museumssammlungen aus Dahlem leiten. Sie ziehen ins Humboldt Forum.

Hier noch am alten Standort in Dahlem: Lars Christian Koch ist der neue Sammlungsdirektor der Staatlichen Museen im Humboldt Forum

Hier noch am alten Standort in Dahlem: Lars Christian Koch ist der neue Sammlungsdirektor der Staatlichen Museen im Humboldt Forum

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin.  Die Vögel zwitschern an der Arnimallee 27, das Fenster ist weit geöffnet. Die Sonne schaut hinein ins Direktorenbüro von Lars-Christian Koch, dem wichtigen neuen Mann im Humboldt Forum. Es gibt belegte Brötchen und jede Menge Kekse, eine kleine Stärkung bei Fragen rund ums seine Berufung als Sammlungsdirektor. Koch hat bereits die kommissarische Leitung des Ethnologischen Museums übernommen, seit Viola König im vergangenen Jahr in Pension ging. Ihr folgt Klaas Ruitenbeck im Oktober, dann übernimmt Koch, der habilitierte Musikethnologe, zudem das Museum für Asiatische Kunst. An der Bürotür hängt noch das alte Voodoo-Plakat, das Viola König hier einst aufgehängt hat. Er wird sich hier noch einrichten müssen.

Wenn sein Vertrag da ist, übernimmt der Zwei-Meter-Mann die Doppelherrschaft über die Sammlungen der Dahlemer Museen, die teilweise ins Humboldt Forum ziehen. Im Schloss stehen im zweiten und dritten Stock knapp 17.000 Quadratmetern zur Verfügung. Eigentlich sollte Ines de Castro diesen Job übernehmen, doch sie machte einen Rückzieher.

Das zeigt, wie schwierig diese Position ist. Koch ist dann nämlich Diener zwei Herren, was nicht einfach sein dürfte, im Gerangel um Einfluss verschiedener Partner am Schlossplatz: Die beiden in das Humboldt Forum umziehenden Sammlungen bleiben Teil der Staatlichen Museen, unterstehen weiterhin seinem jetzigen Chef Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Im Humboldt Forum hingegen hat der künftige Intendant Hartmut Dorgerloh das letzte Wort. Er kommt, wenn die Gründungsintendanz um Neil MacGregor ihre Tätigkeit beendet. Das soll in den nächsten Monaten sein.

Mit Ausgleich will Koch den Spagat zwischen Dahlem und Schloss schaffen

„Für den Bereich Humboldt Forum sind die Vorgaben klar, wenn es um unsere Sammlungen geht, also um die Dauerausstellungsflächen. Da bin ich verantwortlich“, erklärt Koch. Die Sonderausstellungsflächen unterliegen hingegen der Generalintendanz, die Wechselausstellungen bespielt man gemeinsam, „in enger Kooperation“, da diese thematisch in direkter Verbindung zur Dauerausstellung stehen werden, die Koch managt.

Klingt kompliziert. „Da muss ein klares Konzept her“, sagt Koch. Damit das reibungslos läuft, sollen die Zuständigkeiten in einem Kooperationsvertrag zwischen den Institutionen geregelt werden – zugrunde liegen wird ein sogenanntes Governance-Modell.

Wie will er den Spagat zwischen Dahlem und dem Schloss managen? Koch, das merkt man schnell, ist ein Mann des Ausgleichs, mit ruhiger Stimme betont er das Positive der Situation. Diese Eigenschaft wird ihm zupass kommen, wenn es darum geht, neue Strukturen zu finden und Interessen zu moderieren. „Ich sehe das nicht als Spagat, sondern als Ausweitung.“

Museumsstandort Dahlem soll zum Forschungscampus werden

Der alte Museumsstandort Dahlem soll in einen Forschungscampus umgewandelt werden, wo mit und über die Sammlungen gearbeitet wird, die eben nicht von der Bildfläche verschwinden, wie viele fürchten. „Wir forschen, wie vorher auch. Wir sind ja nicht nur Verwalter von Sammlungen“, meint der 59-jährige. Diese Ergebnisse könne man im Humboldt Forum präsentieren. „Das muss“, erklärt er, „eine Einheit werden“.

Pragmatismus ist angesagt: „Ich werde relativ viel pendeln müssen und sehen, dass die Koordination läuft.“ Er meint damit auch die Umstrukturierung in Verbindung mit dem Museum für Asiatische Kunst. „Es wird keine Übernahme, wie viele kritisieren“, sagt er. Doch werde er die Häuser selbstverständlich enger zusammenführen. Eine halbe Million Objekte gibt es im Ethnologischen Museum, rund 30.000 im Museum für Asiatische Kunst, wobei Medien, also Filme, Fotos und Tonbandaufnahmen noch nicht dazu gerechnet sind.

Mehr als zehn Jahren haben die Kuratoren in Dahlem an den Konzepten für ihre Präsentation – mit rund 20.000 Objekten - im Humboldt Forum gearbeitet. Neil MacGregor intervenierte, wollte Änderungen im Kuratorischen. Die Konsequenz daraus: Die Staatlichen Museen verloren für ihre Präsentationen etwa 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, dort sollen jetzt Sonderausstellungen stattfinden, die auf aktuelle Themen reagieren. Muss er umdenken, müssen die Ausstellungen populärer werden?

„Aktueller“, so formuliert es Koch, „wir müssen offener arbeiten“. Mag sein, dass der Begriff populär für ihn als Wissenschaftler eine etwas schwankende Kategorie ist. Für seine Arbeit heißt das: Arbeiten mit Vertretern der Herkunftsländer im Zusammenspiel mit den Objekten in Dahlem, neue Forschungsergebnisse einbinden, Multiperspektivität. „Aktuell ist, wenn man Bezug nimmt auf das, was in der Welt passiert.“

Koch lernt indische Musik

In der Welt ist er viel herumgekommen, darüber erzählt er uns sehr lebendig. Ethnologie hat er in Bonn studiert, parallel dazu historische Musikwissenschaften. Musikalisch ist er ohnehin aktiv, spielt Jazz, fängt an indische Musik zu lernen, nimmt Sitar-Unterricht. Anfang der 90er-Jahre bekommt er ein DAAD-Stipendium, in der Nähe von Kalkutta lernt er Instrumentenbau, macht einen Abschluss im Sitarspiel. Später folgte ein Forschungsaufenthalt in Seoul, Korea.

Buddhistische Rezitationen sind sein Ausgangspunkt. Er ist mit koreanischen Nonnen unterwegs, die ihn in Tempel mitnehmen und unterrichten. Sein Herzblut liegt in der Praxis: „Ich muss Musik lernen, um sie zu verstehen.“ 2003 folgte für den habilitierten Wissenschaftler der Sprung nach Berlin – mit der Leitung der Abteilung Musikethnologie. Im Zentrum steht das Berliner Phonogramm-Archiv, wo etwa 14o.000 Stunden an Tondokumenten traditioneller Musik aus aller Welt archiviert sind. Wie das funktioniert, zeigt derzeit die Ausstellung „laut – Die Welt hören“ in der Humboldt-Box, für die Koch kuratorisch verantwortlich war. Sitar spielt er übrigens heute noch.

Eine seiner Kernaufgaben wird die Provenienzforschung sein, der Umgang mit dem kolonialen Erbe. Da gibt es immer wieder Kritik. Momentan wird am Ethnologischen Museum an einem Projekt gearbeitet, das durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Alle Akten bis 1945 sollen komplett digitalisiert werden, sie werden damit weltweit zugänglich, das betrifft 70 bis 80 Prozent des Sammlungsbestandes. „Damit sind die Bestände, die häufig in der Kritik stehen, transparent recherchierbar“, so Koch. „Ein Zeichen, dass wir die Daten und ihre Inhalte hoch werten.“

Jetzt konzentriert er sich erst einmal auf den bevorstehenden „sehr, sehr große Umzug“. Ab Ende Mai sollen die Großobjekte wie die Südseeboote- und Häuser durch spezielle Wandöffnungen ins Schloss eingelassen werden. Es wird Transporte geben, die bei Überbreiten- und höhen der Exponate auch nachts erfolgen. „Alles durchgespielt“, meint Koch. 20.000 Objekte werden es am Ende sein, wenn das Humboldt Forum eröffnen wird.

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