Kino-Doku

„Nacht der Nächte“ zeigt, was zur Liebe fürs Leben gehört

Zwei Schwestern haben eine Doku über Paare gemacht, die seit über 50 Jahren zusammen sind. „Nacht der Nächte“ erzählt ihre Geschichten.

Unzertrennlich – die Schwestern und Filmemacherinnen Yasemin (l.) und Nesrin Samdereli bei der Premiere von „Nacht der Nächte“ in Essen.

Unzertrennlich – die Schwestern und Filmemacherinnen Yasemin (l.) und Nesrin Samdereli bei der Premiere von „Nacht der Nächte“ in Essen.

Foto: ANDRE HIRTZ / FUNKE Foto Services

Essen.  Was macht das Geheimnis einer lebenslangen Beziehung aus? Die in Dortmund geborenen Schwestern Yasemin (44) und Nesrin Samdereli (38), die heute als Filmemacherinnen in Berlin leben, haben vier Paare auf drei Kontinenten gefragt. Der bewegende Dokumentarfilm „Nacht der Nächte“ erzählt ihre Liebesgeschichten: vom schwulen Paar in Pennsyl­vania, das nach 50 Jahren endlich vor den Traualtar treten konnte bis zum zwangsverheirateten Paar aus Indien. Bei der Weltpremiere in ­Essen sprachen sie über Treue, ­Moral und den ersten Sex in der Hochzeitsnacht.

In Deutschland wird statistisch jede dritte Ehe geschieden. Was lernt man da aus einem Film über Paare, die über 50 Jahre zusammen sind?

Yasemin Samdereli: Dass zu jeder langen Beziehung auch schwierige Phasen gehören. Und dass wir heute manchmal vielleicht zu früh aussteigen. Als der Film entstand, war ich gerade selber frisch verheiratet und hatte schon die erste Krise. Da fragt man sich: War das früher einfacher mit der Ehe? Oder haben die Leute nur durchgehalten?

Nesrin Samdereli: Ich glaube, diese Generation, die zusammenbleibt, „bis der Tod sie scheidet“, die gibt es in unserer Kultur bald nicht mehr.

Haben Sie das Geheimnis der ewigen Liebe denn lüften können?

Yasemin: Ja und nein. Im Grunde haben wir erfahren, dass es die ewige Liebe nicht gibt. Aber man kann zusammenbleiben. Für mich war das ernüchternd, aber auch toll. Zu sehen, dass die Probleme, die ich habe, nicht ungewöhnlich sind. Man hat ja immer diesen Anspruch: Der Sex soll toll sein, der Partner immer einfühlsam. Wir wollen alles und begreifen nicht, dass das eine abso­lute Überforderung ist.

Drei Dinge, die es für eine gute Beziehung unbedingt braucht?

Yasemin: Humor, Humor, Humor. Ich kenne nichts, was effektiver ist.

Es zählt auch Durchhaltevermögen. Sie zeigen nicht nur das ­romantische Ideal der Liebesehe.

Nesrin: Das japanische Reisbauernpaar, das wir getroffen haben, war 50 Jahre verheiratet und hat sich nie geküsst. Romantik gab es nie. Aber die zwei sind durch ihre Kinder zusammengekommen.

Wie haben Sie die Paare dazu gebracht, so offen über Liebe, Sex, aber auch über Zweifel und bittere Enttäuschungen zu sprechen?

Yasemin: Wir waren schon recht hartnäckig, aber wir hatten auch wahnsinniges Glück. Unser Ruhrgebietspaar haben wir beispielsweise über eine Zeitungsannonce gefunden. Frau Rotthäuser hat noch eine echte Klosterschule in Essen besucht. Dort hat man sie gelehrt: Die Jungfräulichkeit ist ein Geschenk an den Bräutigam.

Und dann ist der erste Sex in der Hochzeitsnacht doch nicht so toll.

Yasemin: Die Paare wussten ja gar nicht, was sie erwartet. Es gab keinen Sexualkundeunterricht. Unsere japanische Braut hat sich sogar gefragt, ob sie sich nur unten rum nackt machen muss. Der Kontrast zum heutigen Leben ist schon krass, seit wir durchs Internet alles in Erfahrung bringen können.

Glauben Sie selbst noch an die ewige Liebe und Treue?

Yasemin: Es ist sicher gut, eine Weile zusammen zu sein, gerade wenn man Kinder hat. Aber es ist auch toll, wenn eine Beziehung 20 oder 30 Jahre hält – und vielleicht gibt es dann noch eine andere Episode. Auch in der Türkei ist Trennung keine Seltenheit mehr. Unsere Mutter war die Erste aus der Familie, die sich hat scheiden lassen.

Nesrin: Und unsere Großmutter ist mit über 70 noch von ihrem Mann weg und zurück in ihr Heimatdorf.

Mit „Almanya – Willkommen in Deutschland“ haben Sie einen Teil dieser Gastarbeitergeschichte erzählt und einen riesigen Erfolg gelandet. Gleichzeitig fühlten Sie sich aber auch auf die Migrantenschiene festgelegt. Haben Sie deshalb ein so großes internationales ­Dokumentarfilmprojekt gestartet?

Yasemin: Wir wollen nicht nur das machen, wofür man schon gelobt wurde. Uns reizt an jedem Projekt: Was ist neu? Was ist besonders?

Als Schwesternpaar sind Sie in der Filmbranche unzertrennlich.

Yasemin: Wir machen das zusammen, seit Nesrin 13 ist. Das hat bis jetzt gut funktioniert. Vielleicht bleiben wir als Filmemacherinnen ja über 50 Jahre lang zusammen.