„Es gab tatsächlich Theater, die mich gleich danach angerufen haben, um mir eine Position anzubieten“, sagt Thomas Guggeis. Dem gerade mal 24 Jahre alten Dirigenten ist ein Sensationserfolg gelungen, als er kurzfristig bei der Premiere von Richard Strauss’ „Salome“ an der Staatsoper Unter den Linden einsprang. „Ich wurde fünf Stunden vor der Generalprobe angerufen und war kurz im Schock“, erzählt er. „Aber ich habe schnell zugesagt. Es war meine erste Orchesterprobe. Ich kenne die Staatskapelle, aber ich hatte die ,Salome‘ vorher nie mit Orchester dirigiert. Es waren immer nur Klavierproben.“

Zum Einspringen kam es, weil Christoph von Dohnányi (88) kurzfristig hinwarf. Offiziell wurden „künstlerische Differenzen“ mit dem Berliner Skandalregisseur Hans Neuenfels (76) genannt. Demnach ging es etwa um den Phallus-ähnlichen Käfig, in dem Jochanaan gefangen gehalten wird. Knapp drei Wochen nach der Premiere ist längst durchgesickert, dass es in der Orchesterhauptprobe eskaliert ist – und es nicht nur um das Regiekonzept ging. Und dass Neuenfels der lautere war. Thomas Guggeis meint, es „gab Auseinandersetzungspotenzial in beide Richtungen“, aber er wolle bitte „keine Interna ausplaudern“. Er stand als Assistent von Christoph von Dohnányi zwischen den beiden.

Ursprünglich sollte Guggeis als „Zuckerl“ nur die letzte Vorstellung der Aufführungsserie dirigieren. „Natürlich war es ein Chef-Assistenten-Verhältnis“, sagt er, „aber weil ich eine Vorstellung dirigieren sollte, war der Austausch immer sehr eng.“ Allerdings habe er in der Tempo-Dramaturgie einen zügigeren, auch krasseren Zugriff, sagt Guggeis. „Ich glaube, dass ich insgesamt fast 15 Minuten schneller bin als Herr von Dohnányi.“ Guggeis hat für seine Aufführungen nachgerechnet, dass sie bei einer Stunde 39 Minuten lagen. Das ist schon sportlich für die „Salome“.

„Bei der Premiere stand ich wahnsinnig unter Druck“, sagt er. „Ich habe versucht, sehr klar zu dirigieren und keine großen Experimente zu wagen. Man will, dass alles sicher läuft, gerade auch, weil es um die Sänger auf der Bühne geht.“ Bei den folgenden Vorstellungen habe er dann versucht, in alle Richtungen hin etwas auszuprobieren. Die dritte und die fünfte Vorstellung waren seine persönlichen Favoriten. „Wir haben uns Sachen getraut, die wir in der Premiere nicht gewagt hätten.“

An der Stuttgarter Oper wird er im Sommer Kapellmeister

Die „Salome“ des jungen Einspringers fand internationale Aufmerksamkeit. Neben Angeboten habe er „viele liebe Nachrichten bekommen“, sagt Guggeis. „Und Daniel Barenboim hat mit mir über die Zukunft nachgedacht. Auch wenn ich jetzt nach Stuttgart gehe, werde ich der Staatsoper verbunden bleiben. Ich bin ihm wahnsinnig dankbar dafür.“ Im Sommer endet seine zweijährige Assistenz bei Barenboim an der Staatsoper, dann steigt Guggeis zum Kapell­meister an der Stuttgarter Oper auf. Dass mit Stuttgart sei seit einem halben Jahr bekannt, sagt er, es habe bisher nur niemanden interessiert. Den Wechsel habe er in enger Abstimmung mit Daniel Barenboim entschieden. „Ich würde so eine Entscheidung nicht ohne ihn treffen.“

Der Name Guggeis ist eine mundartliche Ableitung von Kuckuck und lässt sich im Bayerischen Wald verorten. Dort liegen seine familiären Wurzeln, auch wenn Thomas Guggeis in Dachau geboren wurde und in Straubing aufwuchs. „Meine Familie ist an sich völlig unmusikalisch. Mein Vater ist Brauereidirektor, meine Mutter Steuerfachangestellte“, erzählt er. „Der einzige Musiker in meiner Familie war mein Onkel Edgar Guggeis, der im Avantgarde-Schlagwerk eine Koryphäe war. Er war auch Solo-Pauker unter Sergiu Celibidache bei den Münchner Philharmonikern.“

In München studierte Thomas Gugeis zeitgleich Physik und Dirigieren, machte seinen Bachelor in der Quantenphysik. Dann fühlte er sich doch mehr zur Musik hingezogen. „Die Lebensrealität war eher meines. Dirigent ist ein umfassender Beruf, man muss sich für Werke und Komponisten, für Instrumente und die Musiker dahinter interessieren. Und Persönlichkeit ist auch gefragt. Der Physiker sitzt vor einem leeren Blatt Papier und muss hoch spezialisiert sein. Es ist eine arbeitsintensive Schreibtischtätigkeit.“

Im Club Berghain will er unbedingt noch tanzen gehen

Während eines Erasmus-Semesters in Mailand bewarb Guggeis sich an der Staatsoper in Berlin, wurde eingeladen und spielte Barenboim vor. Das war der Karrierebeginn. Bei Barenboim lerne man „zuallererst die Hingabe zur Musik“, sagt der Assistent. „Es gibt einfach keine Proben, die er bürokratisch abarbeitet. Es geht immer voller Leidenschaft zu. Künstlerisch ist er immer auf der Suche nach Extremen, das habe ich inzwischen auch für mich entdeckt.“

Guggeis wohnt in der City West an der Fasanenstraße. „Ich habe eine schöne WG gefunden, die ich mit einer Juristin und einem Investmentmanager teile.“ Die Welt jenseits der Oper sei ihm wichtig, betont er. Im Technoclub Berghain war er bislang nicht, will aber unbedingt noch dorthin. „Bisher hatte ich immer Angst vor der langen Schlange“, sagt er. „Tatsächlich gehe ich sehr gerne tanzen, weil es mich wahnsinnig entspannt und frei macht. Außerdem fordert es andere Körperpartien, ich benutze ja beim Dirigieren fast nur die Arme und meine Hüften zu viel wenig.“