Kultur

Es gärt im Bauch der Metropole

Stolz und Elend: Das Bröhan-Museum zeigt „Berliner Realismus. Von Käthe Kollwitz bis Otto Dix“

Härte zeigen, klare Ansagen machen. Das Krasse normal finden, und das wiederum krass finden. Hineintreten, wo es stinkt. Stumm leiden, oder auch laut. Und Spaß haben. In der U-Bahn, im Park, in der winzigen Wohnung, die man sich nicht mehr leisten kann. „Berliner Realismus“: Ist das nicht die normale Bezeichnung für Alltagserfahrungen in der Hauptstadt? Oder eine eigene Kunstform? Oder beides?

Im Bröhan-Museum, das sich ja vornehmlich der feinen Kunstwerke und schönen Kunsthandwerke aus der Zeit des Jugendstils annimmt, eröffnet heute Abend „eine der härtesten und rauesten Ausstellungen, die das Bröhan-Museum je hatte“, behauptet kühn der Direktor des Museums, Tobias Hoffmann. „Berliner Realismus. Von Käthe Kollwitz bis Otto Dix“ spannt einen Bogen von 1890 bis in die 1930er-Jahre, versammelt fast 200 Gemälde, Grafiken, Fotografien und Filmausschnitte, darunter auch einige Leihgaben etwa aus der Steinhardt Collection New York.

Hungernde, Saufende und Selbstmörder

Es ist eine Ausstellung zur, nun ja, rechten Zeit: Das Geraune von den Parallelen der Gegenwart zur Weimarer Republik verstummt nicht, und vielleicht weiß die Kunst jener Zeit mehr als die Leitartikel und Tweets? Oder ist das alles doch zu fremd, zu anders? Wenn man Hoffmanns Mitarbeitern so zuhört, die durch die Räume führen, vorbei an Hungernden, Saufenden und Selbstmördern, vorbei an Aufständischen und Erschossenen, bis hin zum hinter einem Vorhang versteckten „Kabinett“ mit den 1921 sofort zensierten „Hurengesprächen“ Heinrich Zilles: Ja, da ist durchaus zu erleben, dass diese Werke sogar heutigen Splatter- und Porno-Gestählten noch immer ein wenig Gesichtsröte auf die Wangen treiben können.

Den vermeintlichen Stilbruch in seinem Hause fängt Hoffmann elegant ein: Der Jugendstil mit seiner Flucht ins Florale und Naturbelassene, erläutert er, sei ja nur „das eine Kind der Industrialisierung“. Das andere „Kind“ sei eben jene Kunst, die die sozialen Verwerfungen ungeschönt in den Blick nehme. Schon hier lässt sich als Gegenwartsmensch bequem andocken: Wer denkt da nicht an Biokisten-Abonnenten, die ausblenden, unter welchen Bedingungen die Rohstoffe fürs Smartphone beschafft werden?

Das Ausgeblendete in den Fokus zu nehmen, damit sorgte die junge Käthe Kollwitz für Furore. Für ihr berühmtes Debüt, den „Weber“-Zyklus, inspiriert von Gerhart Hauptmanns Bühnenstück von 1892, schlug Max Liebermann sie sogar für die Goldmedaille der Großen Berliner Kunstausstellung 1898 vor, doch Kaiser Wilhelm II. lehnte das ab: Zu krass waren ihm die Darstellungen der Verhältnisse. Kollwitz und ihre Mitstreiter gründeten 1898 die Berliner Secession: In der freien, wohlhabenden Stadt Charlottenburg konnten die frühen Realisten von der Zensur unbehelligt ihre Werke von den darbenden Arbeitern zeigen. Was nicht ganz ohne Ironie ist.

Wenn man heute mit der Ringbahn von der Prenzlauer Allee über Wedding bis nach Westend fährt, zum Bröhan-Museum, kratzt man genau die gleiche Kurve, die auch die Ausstellung vollführt: von Kollwitz’ müden Arbeitern, die am S-Bahnhof Prenzlauer Allee mit schweren Schritten aus den Zügen stiegen über die fahlen Gestalten Otto Nagels, die im Wedding auf einer Parkbank ins Leere blicken, bis eben in jenen Kunst-Schutzraum Charlottenburg. Viele der Künstler stammten aus bürgerlichen Familien und hatten Kunst studiert. Heinrich Zille kam hingegen aus dem Milieu, das er zeigte, und entwickelte ein umso größeres Selbstbewusstsein. Als Kaiser Wilhelm II. 1901 ein neues Schimpfwort prägte, die „Rinnsteinkunst“, schrieb Zille daraufhin dieses Wort wie ein Label auf einige seiner Werke.

Was aber ist das speziell Berlinerische an diesem Realismus? Gab es nicht auch woanders Industrie, und malten nicht auch andernorts Künstler dieser Zeit realistisch? Schlesien, Ruhrgebiet, Sachsen, alles Industriehochburgen, aber: In Verbindung mit einer riesigen Stadt und der damit verbundenen explosiven Enge, das habe es so nur in Berlin gegeben, meint Hoffmann. Mit entsprechend vielseitigen Reibungspunkten, auch widersprüchlichen Auffassungen dessen, was realistische Darstellung sein soll oder kann.

Ein feiner Herr steht am Rand und betrachtet die Zuschauer

Am nächsten aber kommen uns Heutigen womöglich die stillen Dramen. Wie in dem frühen Film „Kuhle Wampe“, an dem auch Bertolt Brecht mitarbeitete: Da springt ein junger Arbeitsloser aus dem Fenster, der Film macht kein Melodram daraus. Man sieht nur seine Hand, die loslässt, und dann die Schaulustigen im Innenhof. Ein ähnliches Bild malte Hans Baluschek mit „Ein Verbrechen ist geschehen“: Wer genau hinsieht, bemerkt die leicht hochgezogenen Augenbrauen, das Glotzen und Lauschen, das „Ich hab’s ja schon immer gewusst“. Ein fein gekleideter Mann mit Hut steht am Rand und betrachtet die Zuschauer. Er geht auf Distanz zu denen, die ganz schnell mitreden und mitmachen. Ist er besser?

Eröffnung heute um 19 Uhr im Bröhan-Museum, Schlossstraße 1a, Charlottenburg. Geöffnet: Di.–Do. 10–18 Uhr, Eintritt: 8/ erm. 5 Euro. Bis 17. Juni. Der Katalog (Wienand, 200 S.) kostet an der Museumskasse 22 Euro.