Kultur

Ein Stück sucht nach den Schwächen des Theaters

„Gorki – Alternative für Deutschland?“ von Oliver Frljic ist ohne Biss

Woraus besteht die AfD? Auf der Bühne des Gorki Theaters zunächst mal aus drei Buchstaben. Die bilden zuerst die etablierten Parteien. Dann aber klauben sich die Schauspieler das D aus der CDU, das F aus der FDP. Und das A? Stammt aus dem Maxim des Maxim Gorki Theaters, das als detailgenaue Kopie auf der Bühne steht. Dass ausgerechnet etwas vom Gorki in der AfD landet, es also geistige Bezüge geben könnte, wirkt erst mal weit hergeholt. Schließlich verkörpert das Haus das reine Feindbild der rechten Partei: postmigrantisch, multikulti, queer. Es gibt Minderheiten eine Stimme und bietet geflüchteten Schauspielern im Exil-Ensemble die Möglichkeit künstlerischer Arbeit.

Aber das ist der Clou von „Gorki – Alternative für Deutschland?“ von Regisseur Oliver Frljić, das er mit dem Ensemble entwickelt hat: Zu gucken, wie viel AfD in allen von uns steckt, selbst im Gorki Theater und seinen Protagonisten. Das beginnt schreiend komisch, wenn die Schauspieler sämtliche Klischees, die übers Gorki kursieren, gegen es selbst verwenden. „Wie kann ein Theater sich Diversität auf die Fahnen schreiben und gleichzeitig doch nur Theater für Minderheiten machen?“ heißt es einmal. Oder: „Man ist politisch korrekt und weiß das und freut sich, dass man mal wieder die böse Welt anklagen kann, aber zur wirklichen Veränderung des Systems führt das nicht.“

Sätze wie diese lassen sich noch widerlegen. Dann aber fragt Falilou Seck leise, ob Rassismus hier nicht nur umgekehrt wird: „Mir stellte sich die Frage, ob ich in bestimmten Projekten bin, weil ich schwarz bin.“ Das sitzt. Frljić ist ein versierter Provokateur. Seine Inszenierungen werden immer wieder angefeindet, in Bosnien, Kroatien und Polen zensiert und verboten. Mit „Balkan macht frei“ in München landete er 2015 den Aufreger der Saison: In der krassen Waterboarding-Szene stürmen oft Zuschauer die Bühne. Im Jugendtheater „Black Box Schule“ aus Düsseldorf picken sich die Performer die coolsten Großmäuler einer Klasse raus und demontieren sie öffentlich – eine umstrittene Gratwanderung. Das Gorki-Gastspiel „Der Fluch“ erwies sich als genaue Abrechnung mit der polnischen Regierung.

Ausgerechnet in seiner ersten eigenen Gorki-Arbeit aber verlässt Frljić der Biss. Denn nach dem starken Start schlingert der Abend ziellos umher. Szenen kleben unmotiviert aneinander, Schauspieler steigern sich in Rollen, um sie danach als Fiktion zu entlarven. Besonders unglaubwürdig wird es, wenn drei der Schauspieler behaupten, seit einem Jahr auf Gorki-Kosten AfD-Mitglieder zu sein. Das nimmt man ihnen ebenso wenig ab wie die gegenseitigen Hassattacken. Am Ende landet „Gorki – Alternative für Deutschland?“ direkt bei der AfD, schließt eine Marc-Jongen-Rede mit einer von Joseph Goebbels kurz. Das ist nicht neu, in seiner Analogie vermutlich sogar falsch.

Im Untertitel heißt der Abend „Über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert“. Gezeigt wird hier aber vor allem die Schwäche des Theaters, wenn ein Thema nicht zu Ende gedacht ist.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20221115. Termine: 23.3.; 7., 12.4.