Kultur

Mit Präzision und Engagement

Das Houston Symphony Orchestra unter Andrés Orozco-Estrada spielt im Konzerthaus Werke von Dvorák

Es wird viel amerikanisches Englisch gesprochen an diesem Abend im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, aber nicht nur. Auch zahlreiche Berliner interessieren sich für den Gastauftritt des Houston Symphony Orchestra unter seinem Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada. Vielleicht kam der Kontakt aufgrund des designierten Konzerthaus-Chefdirigenten Christoph Eschenbach zustande, der bis 1999 elf Jahre lang Chef des Houston Symphony war.

Orozco-Estrada präsentiert den Berlinern ein zwar eher konventionelles Programm – vor allem mit Werken des Wahl-Amerikaners Antonín Dvořák –, und doch klingt in diesem Konzert vieles ganz anders, als wenn ein deutsches Orchester dies spielen würde. Man erinnert sich noch gut an die denkwürdige Aufführung der Sinfonischen Dichtung „Die Mittagshexe“ von Dvořák durch das Konzerthausorchester 2016. Die Amerikaner spielen diese heller, brillanter, doch keineswegs – entgegen dem Vorurteil – wie eine Filmmusik. Die grausige Handlung, wo nach Drohungen der Mutter eine Hexe das unartige Kind tötet, ist auch hier ins musikalisch Innerliche verlegt. Vor allem spielen die Gäste aus Houston mit bemerkenswerter Präzision und Engagement. Zunächst mag man meinen, hier schnurre eine gut vorbereitete Show ab, doch spätestens im Schlussstück, der Siebten Sinfonie von Dvořák, wird dies widerlegt: Jede neue musikalische Wendung wird von dem rührigen Orozco-Estrada als originäre, im Augenblick vollzogene Empfindung in das Orchester hineingetragen und schallt mal auf bezaubernd klangsinnliche, mal auf dramatische Weise aus diesem heraus. Man könnte sich teilweise sogar mehr Zurückgenommenes wünschen, namentlich die Blechbläser decken das Orchester in ihrer Massivität im Finale doch etwas zu. In der Zugabe eines Tanzes aus Sergej Prokofiews „Romeo-und-Julia“-Ballett dürfen diese Blechbläser noch mal ihr ganzes Können zeigen.

Fest steht: Mit diesem brillanten Klang, den klaren Farben würde ein deutsches Orchester keines der präsentierten Stücke spielen. Zu dem präzisen Spiel und dem großen, teilweise auch etwas übersteuert wirkenden Ton passt das Musizieren der Stargeigerin Hilary Hahn, die bekanntlich mit denkbar geringem Aufwand den denkbar größten Ton aus ihrem Instrument hervorzulocken vermag. Dies tut sie in Leonard Bernsteins Serenade, die in den 50er-Jahren im zeitlichen Umfeld der „Westside Story“ entstand und sowohl Elemente der US-Kunstmusiktradition als auch solche des Neoklassizismus enthält. Merklich spielerischer als deutsche Musiker bringen die Amerikaner die leichten, nicht aufgesetzten Anklänge an Jazz, hell, aber ohne großen Aufwand die lyrischen Stellen. Die von Hilary Hahn zugegebene Nummer aus einer Bach-Partita ist ehrenwert, wirkt aber durch die wenig gerundeten Phrasenenden und den zu wenig innerlich gestalteten Klang etwas heruntergefiedelt.

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