Chorzentrum

„Der Chorsänger ist ein soziales Wesen“

In Neukölln entsteht ein „Deutsches Chorzentrum“. Ein Gespräch mit den Dirigenten Anne Kohler und Gijs Leenars.

In Berlin gibt es zahlreiche Chöre

In Berlin gibt es zahlreiche Chöre

Foto: PETER ADAMIK / BM

Sie singen Motetten, Soul, Neue Musik, Shantys oder Volkslieder. 1500 bis 2000 Chöre aller Couleur gibt es nach einer Schätzung des Chorverbandes allein in Berlin. An der Neuköllner Karl-Marx-Straße 145 wird am heutigen Mittwoch das Bauvorhaben des „Deutschen Chorzentrums“ vorgestellt, in dem es eine musikalische Kita sowie Proben- und Tagungsräume geben soll. Über Per­spektiven der Chorszene zwischen Profidasein und Hobbysänger sprachen wir mit Gijs Leenaars, dem Chefdirigenten des Rundfunkchors Berlin, und der Chorleitungs-Professorin Anne Kohler.

Wer ist der typische Laienchorsänger?

Anne Kohler: Laienchorsänger haben oft ein Instrument erlernt oder im Kinderchor gesungen. Der typische Chorsänger bewegt sich gern in Gruppen. Er lässt sich auf seine Umgebung ein, schwingt in Resonanz mit den anderen, ist ein soziales Wesen.

Leidet die Chorszene noch unter dem Image, altmodisch zu sein?

Kohler: Das Vorurteil gibt es, aber die Chorlandschaft hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. In den Zentren pulsiert das Chorleben, da gibt es eine florierende semiprofessionelle Kammerchorszene und vor allem eine sehr lebendige Pop-, Jazz- und Gospelchorszene. An den Anmeldungen beim Deutschen Chorwettbewerb und am hohen Niveau sieht man ganz deutlich, wie extrem stark sich diese Szene entwickelt hat.

Ist es für einen Profichor wie den Rundfunkchor Berlin problematisch, dass Chormusik als Laiensache gilt?

Gijs Leenaars: Natürlich wird ein Orchester oft anders wahrgenommen. Man weiß, dass man Violine studieren muss. Singen können dagegen viele. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, welche Herausforderungen unsere Sänger bewältigen. Andererseits ist Chormusik so großartig, weil jeder im Publikum mitfühlen kann, was es heißt, begeistert zu singen. Das schafft auch eine besondere Verbundenheit. Wer selbst singt, ist oft auch begeisterter Zuhörer. In unserem Mitsingkonzert in der Berliner Philharmonie kommen Laien und Profis zusammen, das ist seit Jahren ein Riesenerfolg.

Wie unterscheidet sich die Arbeit mit Profisängern von der Arbeit mit Laiensängern?

Leenaars: Sängerisch kann man mit dem Profichor natürlich viel weiter kommen. Alles geht schneller, und das Ziel liegt woanders. Der Abstand zwischen der eigenen Klangvorstellung und dem, was man im Ergebnis hört, ist nicht so groß. Da kommt man mit einem Laienchor einfach auch an gewisse Grenzen. Aber das Schöne ist doch, dass man auf ganz verschiedenen Levels leidenschaftlich Musik machen kann.

Kohler: Profis singen alles vom Blatt und sind so gut vorbereitet, dass man sofort anfangen kann, musikalisch zu arbeiten. Die Unterschiede sind aber nicht grundsätzlich, sondern graduell. Als Chorleiter muss ich musikalisch souverän und mit überzeugenden Ideen agieren, egal ob ich vor Laien oder Profis stehe.

Wächst die Experimentierfreude?

Kohler: Ja, sie ist groß, wenn die Sänger das Gefühl haben, dass die Musik ihnen etwas bietet. In den 70er- und 80er-Jahren ist viel geräuschhafte Musik entstanden, in der geschrien, gestampft und geklatscht wurde. Mittlerweile erleben wir wieder eine andere Ästhetik, die mehr mit dem Singen, schlichter Schönheit und überzeugenden Spannungs­bögen zu tun hat.

Der Rundfunkchor ist sehr experimentierfreudig, auch hinsichtlich neuer Konzertformen. Hat das eine Vorbildfunktion?

Leenaars: Ja, wir wollen die Vielfalt von Chormusik zeigen – im Zusammenspiel mit anderen Künsten, an anderen Orten. Mit dem „human requiem“, einer szenischen Umsetzung des Brahms-Requiems, waren wir in Hongkong und New York, jetzt geht es nach Australien. Natürlich freut es uns, wenn solche Formen in der Chorszene aufgegriffen werden.

Berühmt werden Dirigenten mit Orchestern, nicht mit Chören. Was motiviert junge Menschen, Chorleitung zu studieren?

Kohler: Die Chorleitungsstudenten, die bei mir studieren, sind totale A-cappella-Nerds. Sie genießen die Arbeit mit der Stimme und dem Körper. Das sind alles Leute, die gut und gerne singen. Sie lieben es, eine Phrase homogen zu gestalten. Es ist etwas Besonderes, in diesem Chorklang zu stehen. Wenn einen diese ganzen Stimmen ansingen, wirkt das wie eine Therapie oder Klangmassage. Ich bin manchmal so glücklich, wenn ich von der Probe nach Hause gehe.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen Chor- und Orchesterleitung?

Leenaars: Als Chordirigent muss man die Probenarbeit lieben, das Verhältnis zu den Sängern ist ein anderes. Man steht dem Chor immer von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Beim Orchester hat man einen Radius von 180 Grad, es nimmt einen viel größeren Raum ein. Da muss man sich selbst ganz anders im Raum bewegen. Der Chor als Organismus ist weniger hierarchisch organisiert: Da gibt es keine Stimmführer und keine feste Sitzordnung wie beim Orchester. Dadurch muss man ganz andere Lösungen finden.

Kohler: Den Streicher bittet man einfach, spiccato zu spielen. Mit dem Sänger arbeitet man auch an der Technik. Ein grundsätzlicher Unterschied ist die Probenmethodik. Beim Orchester legt man die Noten hin, lässt es durchspielen und kann dann anfangen, Stellen zu proben. Beim Chor muss ich ganz genau überlegen, wie ich das Tonmaterial in die Stimmen und Köpfe bekomme. Man muss die Stellschrauben kennen.

Wenn Sie die berühmten drei Wünsche frei hätten, was würden Sie verbessern?

Kohler: Wer Chorleitung studiert, sollte die Möglichkeit bekommen, mit Profiensembles zu arbeiten. Es ist kein Zufall, dass fast alle unsere guten Profichöre von ausländischen Dirigenten aus Estland, Holland, Belgien oder England geleitet werden. Wir haben uns zu lange auf die Schulter geklopft und uns auf unsere gute Tradition verlassen. Außerdem sollten die Kompositionsklassen an deutschen Hochschulen anfangen, mehr gute Chormusik zu schreiben. In England und Skandinavien hat Chormusik einen anderen Stellenwert, da wissen die Komponisten, was gut klingt und was machbar ist. Vor allem wünsche ich mir aber, dass schon in Kindergärten und Schulen ganz viel gesungen wird, weil es die Seele frei macht, weil es für jeden Menschen existenziell wichtig ist.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.